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Neue Wege bei der Fachkräftegewinnung

Christoph Klenk15. November 2019
Wie die Stadt Schwäbisch Hall um spanische Fachkräfte wirbt, die in den städtischen Kindertageseinrichtungen arbeiten sollen, beschreibt Christoph Klenk, Fachbereichsleiter Frühkindliche Bildung, Schulen und Sport.

Bienvenido a alemania – wenn es nach der Stadtverwaltung geht, wird man diese Worte in Schwäbisch Hall im kommenden Jahr häufiger hören. Denn ab dem Sommer 2020 sollen etwa 15 pädagogische Fachkräfte aus Spanien in den städtischen Kindertageseinrichtungen arbeiten.

Christoph Klenk

Wie wohl in allen Städten und Gemeinden im ganzen Land nimmt auch in Schwäbisch Hall der Bedarf an Betreuungsplätzen in Kindertageseinrichtungen beständig zu – weil inzwischen wieder deutlich mehr Kinder geboren werden als noch vor wenigen Jahren, weil Betreuungszeiten ausgeweitet werden, aber auch, weil die Betreuungsquote im U3-Bereich steigt und die Kinder ­tendenziell
früher in die Betreuung kommen.  

Für diese Nachfrage müssen die Kommunen ein Angebot schaffen, und das nicht nur, weil sie rechtlich dazu verpflichtet sind. Frühkindliche Bildung ist auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit und nicht zuletzt ein wichtiger Standortfaktor für eine Kommune.

Bedarf nicht gedeckt

Die Städte und Gemeinden unternehmen gewaltige Anstrengungen, um ausreichend Plätze zur Verfügung zu stellen, das belegen schon die Zahlen zum Personal:  2013, im Jahr der Einführung des Rechtsanspruchs auf die U3-Betreuung, gab es in Baden-Württemberg rund 69.000 Beschäftigte in Kindertageseinrichtungen, 2018 waren es bereits knapp 93.000! Von den hierbei 64.000 Erzieherinnen und Erziehern gehen jährlich etwa 2.000 in den Ruhestand, während 3.500 neu ausgebildet werden. Dieser Überschuss reicht aber nicht aus, um den steigenden Bedarf zu decken.

Die Kommunen müssen sich also angesichts eines Fachkräftemarktes, der in diesem Bereich praktisch leergefegt ist, ganz schön strecken. Schwäbisch Hall hat eigentlich die besten Voraussetzungen: Mit etwa 10 bis 15 Fachkräften pro Jahr haben wir eine überdurchschnittliche Ausbildungsquote, waren eine der Vorreiterkommunen bei der Einführung der praxisintegrierten Ausbildung und sogar eine Fachschule für Sozialpädagogik befindet sich am Ort. Trotzdem sind auch bei uns immer wieder Stellen unbesetzt, und das bei einem absehbar steigenden ­Bedarf.  

Welche Möglichkeiten aber bleiben einer Kommune, die sich bei der Vergütung des pädagogischen Personals an die Bestimmungen des TVÖD  halten muss und auch kein Interesse daran hat, sich mit den Nachbargemeinden zu kannibalisieren?

In Schwäbisch Hall haben wir uns dazu entschieden, den Blick dorthin zu richten, wo ein Fachkräfteüberschuss im pädagogischen Bereich besteht. Das ist zum Beispiel in Spanien der Fall: Hier finden viele der zumeist an Hochschulen ausgebildeten pädagogischen Fachkräfte in der aktuellen wirtschaftlichen Situation keine Anstellung. Ein gewaltiges Potenzial für uns, wenn wir diese Menschen davon überzeugen können, zu uns zu kommen. Mit guter Bezahlung, einem sicheren Arbeitsplatz und Entwicklungschancen haben wir durchaus gute Argumente, die aber auch vor Ort kommuniziert werden müssen.

Bildungswerk als Partner

Natürlich kann eine Stadtverwaltung das nicht alleine bewältigen und so haben wir mit dem Kolping-Bildungswerk einen starken Partner gefunden, der mit der Rekrutierung pädagogischen Personals aus Spanien bereits einige Erfahrung hat. Das Bildungswerk vermittelt zum Beispiel Fachkräfte für die Landeshauptstadt Stuttgart, aber auch für die eigenen Einrichtungen sucht man in Spanien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das Auswahlverfahren

Vor allem über Videoclips, Anzeigen und die sozialen Medien werden Menschen mit pädagogischer Ausbildung angesprochen. Das Ziel ist, dass sich auf diesem Weg etwa 80 Interessierte finden, die sich einen Umzug nach Schwäbisch Hall vorstellen können. Nach einem ersten Auswahlverfahren bleiben davon etwa 25 potenzielle Fachkräfte übrig, die noch in Spanien einen Deutschkurs besuchen, der mit dem B1-Nievau abschließt. Nach einem weiteren Auswahlverfahren werden 15 bis 20 Bewerberinnen und Bewerber nach Schwäbisch Hall eingeladen und an die Arbeit in den Kindertageseinrichtungen herangeführt.

Weil Sprachvermittlung eine zentrale Aufgabe der Kitas ist, sind natürlich auch bei den neuen Erzieherinnen und Erziehern gute Deutschkenntnisse ein absolutes Muss. Während der Arbeitszeit besuchen sie daher einen weiteren Sprachkurs. Erst wenn dieser mit dem Erreichen des B2-Niveaus erfolgreich abgeschlossen ist, werden die spanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Betreuungsschlüssel angerechnet.   

Wir sehen diesen Weg als eine große Chance, dem Fachkräfteengpass im pädagogischen Bereich zu begegnen. Aber natürlich sind auch große Anstrengung nötig. Zum einen von den Bewerberinnen und Bewerbern, die in der Regel eine ganz neue Sprache lernen müssen und sich auf das Wagnis einlassen müssen, ihre Heimat zu verlassen. Zum anderen aber auch von der Stadtverwaltung, die nicht nur bei der Einarbeitung gefordert ist, sondern auch dafür sorgen muss, dass die gewonnenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich in der Stadt und in Deutschland so wohlfühlen, dass sie langfristig bei uns bleiben. Das erfordert eine enge Betreuung besonders in der Anfangszeit. Wir sind uns sicher – es lohnt sich.

 

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