Glosse „Das Letzte”

Weniger ist (manchmal) mehr

Carl-Friedrich Höck22. Mai 2019
Glosse Das Letzte
Nicht zugänglich für Menschen ohne Humor: Die Glosse „Das Letzte”
Das Bundesverkehrsministerium sorgt erst mit einem Carsharing-Schild für Lacher und blamiert sich dann mit einer Fahrradhelmaktion.

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten“, sagt Wilhelm Tell in Friedrich Schillers gleichnamigem Drama. Tatsächlich lässt sich gelegentlich beobachten, dass zu viele Gedankengänge einer Sache auch abträglich sein können. Insbesondere dann, wenn sie als Vorgaben in ein Projekt einfließen. Der Flughafen BER in Berlin scheiterte nicht zuletzt daran, dass noch während der Bauphase immer neue Planungsideen eingearbeitet wurden – bis die vielen Kabel und Lüftungsschächte sich zu einem gordischen Knoten verheddert hatten, der kaum noch zu entwirren ist. (Ihn durchschlagen, sprich den Flughafen abreißen, möchte aber auch kaum jemand.)

Ein anschauliches Beispiel lieferte einst auch das Logo der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Man sieht ihm an, was den bemitleidenswerten Grafikern offenbar vorgegeben wurde: Bunt sollte es sein, schließlich ist Deutschland weltoffen. Schwarz-Rot-Gold musste aber auch vorkommen. Fröhlichkeit sollte das Logo ausstrahlen, denn die Deutschen wollten nicht länger weltweit als Miesepeter gelten. Und die Themen „Internationalität“, „Fußball-WM“ und die Jahreszahl „2006“ wurden auch integriert. Heraus kam ein kunterbuntes Gekringel mit lachenden Smiley-Gesichtern, das mehr an Ecstasy-Pillen erinnerte als an eine Sportveranstaltung.

Überladenes Zeichen

Carsharing-Schild
Der Entwurf für das Carsharing-Schild: Ein gerecht unter den Geschlechtern aufgeteiltes Auto – oder doch zwei Handrührgeräte? (Quelle: BMVI)

Ähnliches geschieht derzeit im Bundesverkehrsministerium (BMVI). Kommunen und Carsharing-Anbieter warten seit Jahren auf ein neues Parkplatzschild, mit dem Parkflächen für Carsharing-Autos gekennzeichnet werden können. Bisher gibt es jedoch nur einen Entwurf. Er zeigt ein in der Mitte durchgeschnittenes Auto – das Wort „Auto teilen“ hat man im BMVI offenbar wörtlich genommen. Um dem vielfältigen Kundenkreis der Branche gerecht zu werden, sind drumherum die Piktogramme von vier Menschen abgebildet: den weiblich konnotierten Röcken nach zu urteilen geschlechtertechnisch ausgeglichen, nämlich zwei Männer, zwei Frauen. Wobei, wenn man es genau nimmt, die diversen weiteren Geschlechter sträflich vergessen wurden. Leicht verständlich sollen solche Symbole sein. Ganz gelungen ist das nicht. Ein Twitternutzer glaubt jedenfalls die Botschaft zu erkennen, „dass in dieser Diskothek nur 2 Handrührgeräte erlaubt sind.“

Weniger ist mehr, möchte man Verkehrsminister „Andi” Scheuer zurufen. Doch auch das taugt bei ihm nicht mehr als Losung, wie die neue Fahrradhelm-Kampagne des BMVI zeigt. Das hatte erkannt: Junge Leute tragen selten einen Helm, weil das nicht als schick gilt. Also griff der Verkehrsminister zu einer althergebrachten (und aus guten Gründen nicht mehr zeitgemäßen) Werbestrategie: Präsentiere dein Produkt an einer sehr leicht bekleideten jungen Dame, die sich mit Helm im Bett räkelt. Weniger Klamotten, weniger nachdenken! Für Scheuer offenbar überraschend, fanden viele BetrachterIinnen das Ergebnis peinlich und sexistisch. Aus dem Verkehrsministerium wird zunehmend ein Verkehrtministerium.

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