Glosse „Das Letzte“

In der Wortspielhölle

Carl-Friedrich Höck02. Januar 2020
Tapf ... neien: Abfallbehälter in Berlin
Kommunale Unternehmen üben sich gern in Sprachakrobatik. Die Grenzen zwischen Witz und Wahn sind fließend.

Während die einen sich darauf freuen, graut es anderen davor: Dem „Tag der schlechten Wortspiele“ wird vornehmlich auf Twitter gefrönt. Viele nutzen ihn als Freibrief, selbst den größten Unsinn ins Internet zu posaunen, ohne den Verlust der eigenen Würde befürchten zu müssen. Dass der Wortspieltag am 12. November stattfindet, einen Tag nach Beginn der Karnevalssaison, macht es nicht besser – Restalkohol beseitigt Hemmungen. Unsere Sympathie gilt daher dem Twitternutzer, der freimütig einräumte: „Ich hab‘ japanische Angst vor Wortspielen.“

Wettstreit um den beklopptesten Spruch

Warum wir all das hier schreiben? Weil sich auch die Marketingabteilungen auf kommunaler Ebene fleißig an dem Wettstreit um den beklopptesten Spruch beteiligen. Etwa das Berliner Verkehrsunternehmen BVG. Es twitterte zum Wortspieltag: „Dass es heutzutage für jeden Mist einen kuriosen Feiertag gibt, … das ist doch bahnsinnig.“ Rechtfertigend schob ein BVG-Mitarbeiter hinterher: „Wir wollten eben auch mal auf den Zug aufspringen“, und ergänzte: „Eigentlich sind Wortspiele gar nicht so Mainz.“ Uff, Niveau wie eine U-Bahn!

Dabei können es kommunale Unternehmen doch besser. Ihre Marketingabteilungen sind in Sprachakrobatik geübt, Wortspiele haben dort nämlich ganzjährig Saison. Zu sehen ist das auf den Abfalleimern, die in diversen Städten am Straßenrand stehen. Mit launigen aufgedruckten Sprüchen buhlen sie um die Aufmerksamkeit der Passanten. „Für die Zigarette danach“, ist in Berlin etwa zu lesen, oder „Eimer liebt dich“. In Erfurt werden die Bürgerinnen und Bürger in barscherem Ton zur Ordnung gerufen: „Ihre Papiere bitte“, bellt die Aufschrift auf den Müllkörben.

Sprachabfall recyceln

Unsere Leserinnen und Leser wussten uns ebenfalls von Beispielen zu berichten. In Nordseebad Carolinensiel-Harlesiel weht wahrscheinlich öfter eine steife Brise. Daher heißt es auf den Behältern: „Bevor es ... vom Winde verweht ... bitte hier hinein!“ Zum Glück sind die kleinen Abfallfilialen „Rund um die Uhr geöffnet“, wie eine andere Aufschrift verkündet. In Adelsheim setzte man vor einiger Zeit auf den örtlichen Dialekt, um die Zuwendung der geschätzten Kundschaft zu erlangen: „Bei mir kannsch dei Gschmeeß neischmeiße!“

Ob ein Spruch lustig oder lästig ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Gleichwohl hat sich im Netz vieles angesammelt, bei dem die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ klar mit Zweiterem beantwortet werden darf. Was sollte man damit tun? Der Kolumnist Axel Hacke hat sich vor einigen Jahren ähnliche Gedanken gemacht – und einen Sprach-Wertstoffhof eingerichtet. Dort sammelt er falsche Übersetzungen oder kindliche Verhörer. „Es ist alles unnütz, Sprachmüll“, schrieb Hacke. „Und doch: Der Behalter in mir sagt: Man könnte es vielleicht nochmal gebrauchen. Man soll Wörter nicht wegwerfen.“ Recht hatte er: Den recycelten Sprachabfall hat er mittlerweile zu zahlreichen Bestsellern verarbeitet, darunter die „Handbücher des Verhörens“.

Wörter und Sprüche sammeln, wiederverwerten und etwas Besseres daraus machen – das scheint also ein vielversprechendes Konzept zu sein. Sie haben jetzt nur Bahnhof verstanden? Kein Problem, wie die Deutsche Bahn am Tag der schlechten Wortspiele betonte: „Nicht jeder spricht bahnisch!“

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