Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

Junge Familien ziehen weg aus Städten – Zeichen neuer Landlust?

Uwe Roth28. Juni 2022
Junge Familien zieht es aufs Land. Was bisher eine Beobachtung war, ist nun mit einer Statistik des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung belegt. Die Forschenden sprechen von neuer Landlust. Nicht alle sehen das so.

Die Lust aufs dörfliche Idyll hat schnell, innerhalb weniger Jahre, um sich gegriffen und das deutschlandweit. So jedenfalls sieht es das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklungen. Frederick Sixtus und Lilian Beck gehören zu dem Mitarbeitenden und den Autor*innen, die das Ergebnis einer groß angelegten Datenerhebung am Dienstag präsentierten. Die Wüstenrot Stiftung in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) förderte die Studie. Die Statistiken lieferten im Wesentlichen die Ämter des Bundes und der Länder.

Anhand zweier Deutschlandkarten zeigten die Forschenden einen Vergleich der Wanderungsalden der Jahre 2008 bis 2010 sowie 2018 bis 2020. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt mussten die ländlichen Kommunen mit zum Teil heftigen Abwanderungen zurechtkommen. Die Verluste waren auf der Karte als blau bis dunkelblau eingezeichnet. Die Räume im Nordosten der Republik zeigten sich anhand des intensiven Blaus besonders betroffen. Aber auch im übrigen Deutschland litten Gebiete, die gemeinhin als Provinz galten, unter einer schrumpfenden Bevölkerung. Die Großräume Berlin, Hamburg, München, Leipzig und Frankfurt waren hingegen noch im deutlichen roten Plusbereich der Wanderungsgewinner.

Bundesweit überwiegend positive Wanderungssalden

Die aktuelle Lage ist zumindest optisch eine völlig andere: Mit wenigen Ausnahmen ist das gesamte Land orange/rot eingefärbt. Dabei stellten die Wissenschaftler*innen fest, dass erstmals Kommunen eine Zuwanderung insbesondere junger Familien verzeichneten, die „sehr peripher“, also weit weg größerer Städte liegen. In Zahlen ausgedrückt: Das Wanderungssaldo von Landgemeinden lag 2008/2010 bei einem Minus von 3,8 pro tausend Einwohner. In den vergangenen Jahren ging es in ein Plus von 4,2 über. Den größten Sprung in den positiven Zahlenbereich machten allerdings die kleineren (minus 2,3) und größeren (minus 0,9) Kleinstädte, die nun bei einem Wanderungssaldo von fünf pro tausend Einwohner liegen. Zuwanderung schließe sinkende Einwohnerzahlen nicht aus, gab Sixtus zu bedenken. Ist die Bevölkerung überaltert, ist die Sterberate oftmals höher als die Zahl der Zugezogenen.

Das Saldo von Großstädten, das jahrelang nur einen ungebrochenen Anstieg kannte, schrumpfte hingegen innerhalb eines Jahrzehnts von 3,2 auf 2,5 pro tausend Einwohner. Die Bilanz sehe nach den Berechnungen des Berlin-Instituts düsterer aus, hätten sich Immigranten nicht überwiegend in den großen Städten niedergelassen.

Großstädte bleiben bei jungen Menschen attraktiv

Die Datenauswertung ergab, dass die 18- bis 25-Jährigen der Großstadt treu geblieben sind. Die sogenannten Bildungswander*innen schätzen den (kulturellen) Trubel und insbesondere das Angebot an Studien- und Ausbildungsplätzen. Und auch die Generation 50plus hatte wenig Lust auf einen Umzug, weil sie wohl ihren endgültigen Platz zum Leben bereits gefunden hat. Die Lust auf einen Standortwechsel – und zwar aus der Stadt in Richtung Land – war bei jungen Familien dagegen innerhalb weniger Jahre stark angewachsen. Der Nachwuchs soll auf dem Dorf und nicht im Gedränge der Stadt aufwachsen.

Üblicherweise ließen sich Eltern ab dem 30. Lebensjahr im Speckgürtel einer Großstadt nieder. Doch der ist ihnen inzwischen wohl nicht mehr idyllisch genug oder insgesamt zu teuer geworden. In München sei diese Entwicklung, den Speckgürtel zu meiden, vor der in anderen Ballungszentren zu beobachten gewesen, erklärten Sixtus und Beck.

Dorf-Idylle braucht Grün und schnelles Internet

Der Trend zum Landleben sei seit 2017, also bereits vor der Corona-Pandemie, erkennbar gewesen, sagten sie. „In Umfragen äußerte bereits vor der Pandemie eine klare Mehrheit der Befragten eine Präferenz für das Leben auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt“, stellend die Autor*innen der Studie fest. Doch die besonderen Umstände des Lockdowns hätten diesen Trend beschleunigt. In der Enge einer Stadt ist die Ansteckungsfahr größer. Die Möglichkeit, von zuhause statt im Büro des Arbeitsgebenden die Arbeit zu erledigen, lockerte die Bindung zur Stadt. Dorfleben sollte über schnelles Internet verfügen, damit sich an der Landlust interessierte Städter wohlfühlen.

Catherina Hinz ist die Geschäftsführende Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Aus ihrer Sicht lässt sie die Frage, ob eine neue Lust aufs Landleben entstanden sei, mit einem klaren Ja beantworten, wie sie sagte. In der Präsentation bliebe ihre Feststellung nicht ohne Widerspruch. Ob es nicht sein könne, dass fehlende Finanzen für ein Leben in der Stadt oder im Speckgürtel junge Familien dazu brächten, notgedrungen aufs billige Land zu ziehen, wurde gefragt. Manuel Slupina von der Wüstenrot-Stiftung betonte, dass die Suche nach den Motiven, das Stadt- gegen ein Landleben zu tauschen, erst im nächsten Forschungsschritt beginne. Dann sollen die Forschenden die neuen Dorfbewohner*innen befragen.

Die Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zum kostenlosen Download

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