Nacht der Solidarität

Obdachlosen-Zählung in Berlin bringt keine Klarheit

Carl-Friedrich Höck07. Februar 2020
Ein Mensch übernachtet unter einer Brücke in Berlin (Archivbild)
Mit einer großangelegten Zählaktion wollte Berlins Sozialsenatorin Breitenbach herausfinden, wie viele obdachlose Menschen in der Stadt leben. Nun wurden erste Ergebnisse vorgestellt. Die präsentierten Zahlen überraschen.

Eine „Nacht der Solidarität“ hatte Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) ausgerufen: Am Abend des 29. Januar liefen rund 2.700 freiwillige Helfer*innen in kleinen Teams durch die Straßen der Hauptstadt, um obdachlose Menschen zu zählen und zu befragen. Das gesamte Stadtgebiet wurde innerhalb weniger Stunden abgedeckt.

Weniger gezählte Personen als erwartet

Mit der Aktion wollte der Senat belastbare Zahlen gewinnen. Bisherige Schätzungen gehen von 6.000 bis 10.000 Obdachlosen in Berlin aus. Insofern waren die ersten Ergebnisse, die an diesem Freitag vorgestellt wurden, eine handfeste Überraschung: Insgesamt wurden 1.976 obdachlose Menschen gezählt. Bei der Straßenzählung im öffentlichen Raum wurden sogar nur 807 Menschen registriert, die übrigen Personen waren von der Kältehilfe, den Nahverkehrs-Unternehmen und weiteren Institutionen erfasst worden. Von den auf der Straße angetroffenen Menschen ließen sich 288 befragen.

Viele Obdachlose sind offenbar der – nicht unumstrittenen – Zählung aus dem Weg gegangen. Davon geht auch die Armutsforscherin Susanne Gerull aus, die das Projekt mitorganisiert hat. „Die tatsächliche Zahl, die Wahrheit werden wir gar nicht erfassen können“, sagte sie am Freitag. Es gebe auch versteckte Wohnungslosigkeit. Die Sozialsenatorin deutet das Ergebnis trotzdem so, dass auf Berlins Straßen weniger Obdachlose leben als angenommen. „Es werden sich keine 8.000 Menschen versteckt haben“, glaubt sie.

Unterstützung für Wohnungslose soll verbessert werden

Man wolle „anhand der Zahlen überprüfen, inwiefern wir Maßnahmen der sozialen Wohnungslosenhilfe verändern und umstrukturieren müssen“, sagte Elke Breitenbach. Bisher komme die Hilfe nicht immer dort an, wo sie gebraucht werde. Wenn etwa ein Bezirk deutschsprachige Angebote mache, dort aber vor allem rumänische Obdachlose lebten, funktioniere es nicht.

Tatsächlich gaben von befragten Personen 49 Prozent an, aus dem EU-Ausland zu kommen. 39 Prozent haben eine deutsche Nationalität. Aus welchem Land genau die EU-Bürger*innen stammen, wurde jedoch nicht abgefragt – laut Breitenbach unter anderem aus datenschutzrechtlichen Gründen. Trotzdem könne man sich bei den Sprachangeboten nun auf „EU“ einstellen, sagte Breitenbach. Den Umgang mit ausländischen EU-Bürger*innen bezeichnete sie zugleich als „echte Herausforderung“ und sprach von einer „Notlage“. Denn sie hätten oftmals keinen Anspruch auf Leistungen im deutschen Sozialsystem. Man dürfe aber auch nicht zusehen, „wie diese Menschen hier zugrunde gehen“, so Breitenbach.

Mehr Aufmerksamkeit für das Thema Wohnungslosigkeit

Pressekonferenz zur „Nacht der Solidarität”

Eines der Ziele der „Nacht der Solidarität“ sei gewesen, über die prekäre Lebenssituation wohnungsloser Menschen aufzuklären, merkte die Sozialsenatorin an. Das sei gelungen. Die öffentliche Wahrnehmung des Themas habe sich verändert, auch aufgrund von etwa 35 Info- und Diskussionsveranstaltungen. „Viele Zählerinnen und Zähler haben im Nachgang berichtet, dass sie zum ersten Mal eine andere Perspektive eingenommen haben.“

Weitere Ergebnisse der Befragung: 84 Prozent der Befragten waren Männer. Ein Grund hierfür könnte sein, dass Frauen – auch aus Angst vor sexualisierter Gewalt – die Straße stärker meiden. Mit 56 Prozent war die Mehrheit der befragten Personen zwischen 30 und 49 Jahre alt. Und fast die Hälfte (47 Prozent) haben seit mehr als drei Jahren keine feste Wohnung mehr. Auf die Frage, ob sie mit einem Haustier auf der Straße leben, machten 194 von 288 Befragten keine Angaben (die Übrigen waren mehrheitlich ohne Tier unterwegs).

Die Befragung soll in etwa eineinhalb Jahren wiederholt werden. Damit will die Senatorin einerseits Entwicklungen nachvollziehbar machen, andererseits Erkenntnisse über die Unterschiede von Winter- und Sommerzählungen gewinnen.

Paris und Hamburg haben es vorgemacht

Vorbild für die „Nacht der Solidarität“ war eine ähnliche Zählaktion in Paris. Auch in Hamburg sind bereits Obdachlose im Auftrag der Stadt gezählt und befragt worden. Ein Team von Forscher*innen traf bei der letzten Umfrage im Jahr 2018 insgesamt 1.910 obdachlose Menschen an.

Wie die Armutsforscherin Susanne Gerull erklärt, habe man bei der Berliner Befragung bewusst nur rudimentäre Kerndaten erhoben. Diese sollen als einheitliche Grundlage für weitere Statistiken dienen, etwa zu Zwangsräumungen. Auch die Bundesregierung verfolgt konkrete Pläne, eine deutschlandweit einheitliche Datengrundlage zu schaffen. Ab dem Jahr 2022 soll das Statistische Bundesamt eine zentrale Erhebung zu wohnungslosen Personen durchführen.

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