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Neue Ideen für vielfältige Mobilität

Tanja Sagasser-Beil11. Juli 2017
Tanja Sagasser-Beil, SGK-Landesgeschäftsführerin in Baden-Württemberg
Es gibt Alternativen zum eigenen Auto oder dem ÖPNV. Vielerorts werden neue Mobilitätskonzepte erprobt. Die Ideen reichen vom Leih-Fahrrad bis zur Mitfahrbank. Sie können die Lebensqualität in unseren Kommunen erhöhen.

Das Thema Mobilität ist kein Thema, das nur die verkehrsgeplagten Großstädte betrifft. Auch kleine Kommunen sind zunehmend auf der Suche nach neuen und attraktiven Angeboten, um Mobilität auch künftig zu ermöglichen – aber auch mit dem Hintergedanken, die Zahl der Autos auf den Straßen zu verringern und den Bürgerinnen und Bürgern einen guten Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln zu bieten, um den (teilweisen) Umstieg vom eigenen Auto interessant zu machen. Ein paar Beispiele möchte ich hier vorstellen, vielleicht lässt sich die eine oder andere Anregung vor Ort umsetzen.

Leihsysteme für Zweiräder

Mit den Leihrädern der Deutschen Bahn hat es vor Jahren angefangen: Leihfahrräder erhielten Einzug in unsere Innenstädte. Zu Beginn waren diese Räder vor allem kurzstreckenkompatibel, weil sie nicht besonders komfortabel waren. Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es Leihsysteme mit Pedelecs, mit denen sich ohne Mühe (und Schwitzen…) auch im Businessoutfit längere und hügelige Strecken zurücklegen lassen. Und immer mehr Städte ergänzen ihre Leihräder durch Roller – natürlich elektrisch. Gerade für Städte mit viel Verkehr eine spannende Idee: E-Roller brauchen auf der Straße weniger Platz als Autos, sie machen keinen Lärm und verringern die verkehrsbedingten Emissionen. Und sie machen Spaß – ein nicht zu vernachlässigender Faktor, wenn es darum geht, die an das eigene Auto gewöhnten Menschen zum Umstieg zu bewegen. E-Roller können auch von mehreren Gemeinden gemeinsam angeboten werden. Ihre Reichweite beträgt um die 50 Kilometer, somit lassen sich auch längere Wege bewerkstelligen. Es gibt für solche Leihsysteme private Anbieter, aber auch Kommunen, die E-Roller gemeinsam mit ihrem Energieversorger oder den Stadtwerken anbieten bzw. entsprechende Pläne haben.  

Autos leihen und teilen – am liebsten elektrisch

In Großstädten wie Berlin oder Stuttgart gibt es Leihsysteme, bei denen man statt Fahrrädern oder Rollern Autos leihen kann: klassische Benziner und zunehmend Elektroautos (z.B. E-Smarts in Stuttgart, E-BMWs in Berlin). Das Schöne daran: Man muss die kleinen Flitzer nicht zu definierten Stationen zurückbringen, sondern kann sie in einem bestimmten Umkreis (in Berlin ist das z.B. der innere S-Bahn-Ring) überall abstellen, wo man kostenlos parken kann oder speziell Parkplätze für diese Leihautos ausgezeichnet sind. Finden und ausleihen kann man die Autos per App und die Verfügbarkeit war dort, wo ich diese Art der Fortbewegung bisher ausprobieren konnte, erstaunlich gut.

Für kleinere Kommunen sind solche Systeme natürlich überdimensioniert und auch wenn Kommunen sich zu Verbünden zusammenschließen, braucht es, was z.B. das Abstellen angeht, andere Regeln als in der Großstadt. Doch auch Gemeinden und kleine Städte können jenseits des klassischen Carsharings Angebote schaffen, die den Bürgerinnen und Bürgern Anreize bieten, auf ein eigenes (Zweit-)Auto zu verzichten.  So gibt es zunehmend Gemeinden, die selbst Elektroautos anschaffen und so als Carsharing-Anbieter für die Bürgerinnen und Bürger fungieren. Mancherorts übernehmen das auch lokale Unternehmen. Eine clevere Idee ist auch das Verleihen von Dienstfahrzeugen: Die Autos stehen nach Dienstschluss und am Wochenende nicht ungenutzt herum und die Einnahmen tragen zu einer schnelleren Refinanzierung der teuren Elektroautos bei.

Gute Kooperationspartner für Carsharing-Ambitionen von Kommunen sind auch hier Energieversorger und Stadtwerke oder Carsharing-Vereine wie das in Karlsruhe ansässige Stadtmobil, das auch jenseits der Stadtgrenzen tätig ist.

Bürgerbus und Mitfahrbank

So ein Leihsystem lässt sich nicht von heute auf morgen aus dem Ärmel schütteln – vor allem dann nicht, wenn man noch die komplette Ladeinfrastruktur schaffen muss – und auch der Kauf von Elektroautos lässt sich nicht aus Bordmitteln finanzieren. Aber man kann auch niederschwelliger starten. Gerade in weniger verdichteten Räumen entstehen Ideen, die die Mobilität der Bürgerinnen und Bürger verbessern können und nicht viel kosten.

Eine schöne Idee ist, wie ich finde, die so genannte Mitfahrbank. Im Ort verteilt stehen speziell gekennzeichnete Mitfahrbänke. Wenn ich mich draufsetze, signalisiere ich: „Ich möchte mitgenommen werden.“ Neben der Bank ist ein Wegweiser mit verschiedenen Klappschildern, auf denen Ziele stehen wie „Einkaufszentrum“, „Rathaus“, „Bahnhof“ oder was auch immer es im Ort an gut frequentierten Plätzen gibt. Ich klappe das Schild mit meinem Ziel herunter, so dass vorbeifahrende Autofahrer sehen, wo ich hinmöchte. Idealerweise hält bald schon jemand an, der dasselbe Ziel hat oder in die entsprechende Richtung fährt und nimmt mich mit.

Mitfahrbänke gibt es im Land schon einige, noch weiter verbreitet ist der klassische Bürgerbus mit ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern. In Bad Wimpfen, einer kleinen Stadt im Landkreis Heilbronn, musste der Bürgerbus nun nach sechs Jahren, 70.000 transportierten Fahrgästen und 170.000 zurück gelegten Kilometer ersetzt werden. Ausgesucht wurde der neue Bus gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern, um auf deren Anforderungen, z.B. im Bereich der Barrierefreiheit, optimal eingehen zu können. Präsident des Bürgerbus-Landesverbands Baden-Württemberg ist übrigens Sascha Binder, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion. Schön, wenn Sozialdemokarten in solchen Bereichen Flagge zeigen!

Ergänzungen, kein Ersatz

Natürlich ersetzen solche Projekte nicht den klassischen ÖPNV oder verringern die Notwendigkeit, ihn auszubauen oder auf einem guten Niveau zu halten. Sie sind pfiffige Ergänzungen und zeigen jenseits ihres tatsächlichen Nutzens, dass sich die Kommune Gedanken um die Mobilität ihrer Bürgerinnen und Bürger macht. Im besten Fall tragen sie dazu bei, dass neue Menschen sich kennen lernen und Kontakte entstehen, die man allein im Auto wohl eher nicht knüpft – außer bei Unfällen, und das ist wohl nur in Liebeskomödien der Start in eine viel versprechende Bekanntschaft.

 

Links zum Artikel

Eine kleine Auswahl an Links zum Weiterlesen. Natürlich gibt es auch andere Leihsysteme für Räder, Roller und Autos, die Links sind nur Beispiele.

Fahrradverleih
www.nextbike.de gibt es in vielen Städten oder Verbünden

Verleih von E-Rollern
www.emmy-sharing.de
bisher in Berlin und Hamburg, bald z.B. auch in Mannheim

Car-Sharing

Mitfahrbank

Bürgerbus

In der Blog-Rubrik „Meine Sicht” veröffentlichen wir Beiträge wechselnder Autoren zu verschiedenen kommunalen Themen. Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der SGK Baden-Württemberg.

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