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Immer neue Freizeitwünsche fordern Kommunen heraus

Der Bedarf an Sportstätten wächst ungebrochen – ebenso wie der Sanierungsstau. Der Bauausschuss des Bundestags verschaffte sich dazu einen Überblick. Am Ende bleiben die Kommunen gefordert. Und die hoffen auf Fördermittel.

von Uwe Roth · 26. Juni 2024
Vor dem Bauausschuß des Bundestags hat ein Experte den Sanierungsbedarf der Sportstätten in Deutschland auf einen „zweistelligen Milliardenbereich“ geschätzt.

Vor dem Bauausschuß des Bundestags hat ein Experte den Sanierungsbedarf der Sportstätten in Deutschland auf einen „zweistelligen Milliardenbereich“ geschätzt.

Der Ausschuss hatte zum Fachgespräch „Sportstätten und Stadtentwicklung“ eine Expertin und drei Experten eingeladen: Michaela Röhrbein sprach für den Deutschen Olympischen Sportbund. Ralf Maier vertrat den Bund Deutscher Landschaftsarchitekt*innen. Professor Robin Kähler kam als Vorsitzender der IAKS, ein Zusammenschluss von Unternehmen, Kommunen, Vereinen und Dienstleistern. Dr. Alex Mommert vertrat als Sportreferent beim Deutschen Städtetag die kommunale Seite.

Die Runde war sich einig, dass die Zahl der Sportmuffel zwar alarmierend hoch sei, die Attraktivität der Sportstätten dadurch aber nicht sinke. Insbesondere der Trend zu den Individual-Sportarten beziehungsweise zum vereinsunabhängigen Sport fordere die Kommunen heraus: Sie müssten dafür sorgen, dass einerseits klassische Sportstätten im Angebot blieben und ebenso neue Flächen geschaffen werden, beispielsweise für Mountainbike-Trails, Kletterwände oder andere Outdoor-Sportarten. Yogakurse und ähnliches fänden zunehmend im Grünen statt.

Sport-Anlagen sollen multifunktional werden

Mode-Sportarten sind oftmals kurzlebig. Kaum ist die Sportstätte eingerichtet, orientieren sich die gerade noch Begeisterten um. Landschaftsarchitekt Maier empfahl, manche Sportanlage von vornherein als temporär zu betrachten und diese auch so zu planen. „Vorhandene Sportanlagen müssen zu multifunktionalen öffentlichen Sport- und Freizeitanlagen werden“, sagte er. Bestehende Sport-Anlagen sollten so umgestaltet werden, dass sie mehrere Zwecke erfüllen könnten. Sein Verband appelliert an die Kommunalpolitik, „Umgestaltungsprojekte zu initiieren und zu unterstützen, die multifunktionalen Räume schaffen.“ Temporäre Sportparks könnten in Gewerbe- und Industriegebieten angelegt werden.

Für Robin Kähler ist die konkrete Planung der zweite vor dem ersten Schritt: Er beklagte, dass der Bau von Sportstätten bislang nicht als Querschnittsaugabe betrachtet werde. Deswegen könne der Ist-Zustand nicht konkret beschrieben werden. Es fehlten ausreichend Daten. Dazu müssten Bund, Länder und Kommunen enger zusammenarbeiten. Seine Empfehlungen lauteten unter anderem: Der Bund solle einen Sachverständigenrat „Sportstätten und Sporträume“ einberufen. Kommunen müssten flächendeckend Planungen zur Sport-Entwicklung erstellen oder fortschreiben. Der Sport müsste aus einer Sicht „als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen werden“.

Sanierungsbedarf in Höhe von geschätzt 37 Milliarden Euro

Dass „Sport heutzutage meist selbstorganisiert ausgeübt wird“, gab Mommert als Beobachtung in den Mitgliedskommunen des Städtetags an den Bauausschuss weiter. Bereits rund die Hälfte der Sport- und Bewegungsaktivitäten fänden im öffentlichen Raum statt, wie in Grünanlagen, auf Seen und auf Radwegen. Der öffentliche Raum rücke immer stärker in den Fokus der Sport-Entwicklung. Eine wohnortnahe Versorgung mit klassischen Sportstätten sei weiterhin ein wichtiger Faktor. „Zunehmende Flächen-Konkurrenz in den Städten und die vielerorts angespannte Haushaltslage machen dies mitunter zu einer Herausforderung“, so Mommert. „Wir treten dafür ein, den Nutzungszweck Sport in der Stadtplanung angemessen zu berücksichtigen und verstehen die Entwicklung des Sports als eine wichtige Querschnittsaufgabe der integrierten Stadtentwicklung.“

Er schätzt den Sanierungsbedarf der Sportstätten in Deutschland auf einen „zweistelligen Milliardenbereich“. Die jüngste Schätzung für alle öffentlich getragenen Sportstätten läge bei 21 Milliarden Euro. Hinzu komme ein Sanierungsbedarf bei den Sportstätten der Vereine in Höhe von zehn Milliarden Euro. Weitere sechs Milliarden Euro kämen für die Sanierung kommunaler Schwimmbäder hinzu. Das „Programm zur Förderung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ (SJK) sei derzeit das einzige Förderprogramm des Bundes, über das Sportstätten saniert werden können, bedauerte Mommert. Das Programm sei stark überzeichnet und von Kürzungen bedroht.

Sportstätten-Sanierung ist wichtiger Beitrag zum Klimaschutz

Michaela Röhrbein betonte: „Die dringend erforderliche Sanierung und Modernisierung unserer Infrastruktur an Sportstätten stärkt bundesweit die rund 86.000 Sportvereine auch dabei, mit attraktiven Angeboten Mitglieder zu gewinnen, zu begeistern und zum lebenslangen Sporttreiben zu animieren.“ Neben konjunkturellen Impulsen für die Wirtschaft seien in diesem Bereich „energetische und damit klimapolitische Potenziale anzusetzen“. Eine „weitgehende Dekarbonisierung aller Sportanlagen“ sei ein „bedeutsamer Baustein für die Erreichung der verbindlichen Klimaschutzziele des Bundes bis 2045“. Darüber hinaus seien Sportanlagen Begegnungsräume und trügen zur Stärkung der Demokratieförderung bei.

Autor*in
Uwe Roth

ist freier Journalist. Er ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung und dort im Redaktionskreis für eine DIN Einfache Sprache. Webseite: leichtgesagt.eu

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