Rezension „Architektur als Ausdruck politischer Kommunikation”

Beeinflusst Neid die Architektur von Flüchtlingsunterkünften?

Carl-Friedrich Höck21. August 2018
Schild an einer Notunterkunft in Berlin: Franziska Küster hat die Architektur der Unterbringung von Geflüchteten untersucht.
Wie beeinflussen Architektur und städtebauliche Maßnahmen die Integration von Geflüchteten? Das hat Franziska Küster untersucht und zahlreiche Experten befragt. Ihr Fazit: Die öffentliche Meinung einen Einfluss darauf, wie die Unterkünfte gestaltet werden.

So viele Geflüchtete wie im Jahr 2015 sind in der Geschichte der Bundesrepublik zuvor nie ins Land gekommen. Die Folge: Der Staat musste improvisieren. Überall im Land wurden eiligst Notunterkünfte errichtet. Einige sind mittlerweile wieder verschwunden. Doch auch heute noch stehen Leichtbauhallen oder Containerdörfer in vielen Kommunen. Anderswo sind günstige Modulbauten entstanden, mit denen der Staat dauerhaft Wohnraum für Geflüchtete und Alt-Einheimische schaffen will.

Die Unterkunft beeinflusst die Integration

Die Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin Franziska Küster schreibt: „Je mehr Themen wie die Wohnsituation und Integration von Geflüchteten in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, desto dringlicher ist die Frage, wie dieser Aufgabe nicht nur gesellschaftlich und politisch, sondern auch architektonisch und städtebaulich begegnet werden kann.“ Was fördert Integration und was hemmt sie? Das wollte Küster herausfinden. Deshalb hat sie für eine Studie zahlreiche Experten interviewt, die mit dem Thema befasst sind: Architekten, Politologen, Stadtplaner.

Küster stellt fest: Die Unterkünfte haben einen entscheidenden Einfluss auf die Integration. Der Standort entscheidet mit darüber, ob die neu Zugezogenen mit den Deutschen in Kontakt kommen. Die Architektur wirkt sich darauf aus, ob die Migranten sich im Zufluchtsland wohl- und damit gut aufgenommen fühlen. Zugleich schränkt Küster ein: Noch bedeutender für die Integration seien die Menschen, mit denen die Geflüchteten in Kontakt kommen – etwa das Personal in den Unterkünften und andere Mittler zwischen Alteingesessenen und neuen Ortsbewohnern.

„Visuelle Neidabwehr”

Aufgrund der Interviews kommt Küster ein beklemmender Verdacht. Bei der Gestaltung der Unterkünfte spiele neben rechtlichen, ökonomischen und pragmatischen Rahmenbedingungen noch etwas anderes eine Rolle: die öffentliche Meinung. „Vor allem Neid konnte als entscheidende Kraft bei der Gestaltung der Unterkünfte identifiziert werden“, schreibt die Autorin. „Zudem wurde der gesellschaftliche Widerstand als eine Ursache für das oftmals temporär erscheinende Äußere der Unterkünfte ausgemacht.“ Anders gesagt: Die Optik der Einrichtungen sei „ein Instrument zur visuellen Neidabwehr“. Somit erklärt sich auch ihr Buchtitel, der Architektur als einen Ausdruck politischer Kommunikation bewertet.

Die Autorin verweist darauf, dass sie auf Basis ihrer Interview-Methode keine wissenschaftlich belegten Thesen liefern könne. Vielmehr gehe es ihr darum, auf bisher übersehene Aspekte aufmerksam zu werden und neue Hypothesen (also Annahmen) zu entwickeln. Sollte sich Küsters Neid-Verdacht allerdings als zutreffend herausstellen, wirft das Fragen auf. Etwa diese: Welche Folgen haben bewusst „ärmlich” gestaltete Unterkünfte für den Ruf und damit die Entwicklung eines Quartiers? Verfestigt die Architektur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Und was bedeutet all das für die Nachnutzung der Flüchtlingsunterkünfte, beispielsweise als Wohnraum für Studierende oder andere finanzschwache Bevölkerungsgruppen? Es könnte sich lohnen, diesen Fragen in weiteren Studien nachzugehen.

(c) Büchner-Verlag

Franziska Küster
Architektur als Ausdruck politischer Kommunikation.
Zur Unterbringungssituation von Geflüchteten
Büchner-Verlag, 2018, 2010 Seiten, 19,00 EUR, ISBN 978-3-96317-108-6

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