Natur und Artenschutz

Biologische Vielfalt in Kommunen erhalten

Susanne Dohrn 17. März 2020
So etwas geht mit Pestiziden nicht: eine Blühwiese.
Das Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ hat das Ziel, auf öffentlichen Flächen Oasen der Vielfalt zu schaffen. Auch Landwirte machen mit.

Artenschutz beginnt vor der Haustür, in den Kommunen. In immer mehr Städten wachsen Wildblumen auf Pflanzinseln und an Wegrainen. Städtische Rasenflächen, die bis vor kurzem noch regelmäßig mit dem Motormäher bearbeitet wurden, werden zu Oasen der Vielfalt, auf denen heimische Pflanzen wachsen, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten noch für unsere Wegraine, Wiesen und Weiden typisch waren.

Im Jahr 2012 – lange bevor das Thema Insektensterben die Schlagzeilen der Tageszeitungen eroberte –, haben sich 60 Gemeinden, Städte und Landkreise aus ganz Deutschland zum Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ zusammengeschlossen. Inzwischen sind es 222 (Stand Januar 2020). Auch die Stadt Tornesch ist Mitglied in diesem Bündnis. Im Mittelpunkt stehen die Öffentlichkeitsarbeit und der Austausch von Informationen.

Aktiv in der Landwirtschaft

In Workshops zum Thema Anfang März dieses Jahres in Hannover und Heilbronn erkundeten mehr als hundert Teilnehmende aus ganz Deutschland das Thema „Biologische Vielfalt in der Landwirtschaft – Wie Kommunen aktiv werden können“. Vielen Kommunen gehören Flächen, die sie beispielsweise an Landwirte verpachten. Sie können entscheiden, wie diese bewirtschaftet werden. Die Domäne Fredeburg in Schleswig-Holstein beispielsweise pachtete das Land 1991 vom Kreis Herzogtum Lauenburg. Seitdem wird sie als Bio-Betrieb nach Demeter-Kriterien geführt. Nachhaltige Nutzung, Verzicht auf Pestizide wie Glyphosat, die „Rückholung“ von Wegrainen, die im Laufe der Jahre unter den Pflug genommen wurden, obwohl sie eigentlich den Kommunen gehören – Kommunen haben vielfältige Möglichkeiten, auf ihren Flächen die Vielfalt zu fördern. Dazu einige Beispiele, über die Robert Spreter, Geschäftsführer des Vereins Kommunen für biologische Vielfalt, in dem Workshop berichtete:

Stadt Frankfurt: Seit 2012 sind Pächter ab einer Pachtfläche von 5.000 Quadratmetern verpflichtet, auf mindestens 1 Prozent der Fläche der für Acker- und Erwerbsgartenbau verpachteten Grundstücke eine Maßnahme zur Förderung des Artenschutzes im Sinne der Biodiversität, des allgemeinen Naturschutzes und/oder des Gewässer- und Bodenschutzes durchzuführen. Dazu gehören beispielsweise ein- oder mehrjährige Blühstreifen, oder so genannte Lerchenfenster. Das sind offene Fläche in Getreideäckern, auf denen keine Saat ausgebracht wird und die Feldlerchen als als Anflugschneise und sicherer Landeplatz dienen, damit sie im umliegenden Getreide ihre Brut- und Nistplätze anlegen können.

Lauf im Schwarzwald: Die 4.000-Einwohner-Kommune hat auf 88 Hektar Ackerland Wiesendrusch (von artenreichen Wiesen in der Region gewonnenes Saatgut) ausgesät. Nun weiden dort Wollschweine, eine alte Rasse, die sommers wie winters draußen leben kann, und Wasserbüffel. Die Tiere „bewirtschaften“ die Fläche naturnah, denn viele Pflanzen, Insekten und Vögel sind auf ihren Dung angewiesen und darauf, dass sie die Pflanzen abfressen und die Böden durchwühlt werden. Das Fleisch der Schweine ist übrigens so gefragt, dass der Landwirt Bestellungen schon für drei Jahre im Voraus hat.

Region Hannover: Über die Strategie zur Verbesserung der Biodiversität in der Region Hannover berichtete Wolfgang Fiedler vom Team Naturschutz der Region. Sie reicht vom Grunderwerb bis zu Blühstreifen, Feldvogelinseln, Brachen mit Selbstbegrünung oder spezielle Projekte zum Schutz gefährdeter Tierarten wie des Wiesenknopf-Ameisenbläulings, eines sehr selten gewordenen Schmetterlings. Heckrinder, eine Nachzüchtung der ausgestorbenen Auerochsen, werden im Kampf gegen pflanzliche Invasoren eingesetzt und können sich, so hoffen die Naturschützer, mit ihren langen Hörnern auch gegen Wölfe durchsetzen. Landwirte, die an den Projekten beteiligt sind, werden für ihre Ertragsverluste entschädigt. Fast hundert Landwirte beteiligen sich an dem Programm. Alles zusammen lässt sich die Region das einen „kleinen Millionenbetrag“ kosten, so Fiedler. Wem das viel erscheint: Erstens ist die Region Hannover etwa so groß wie das Saarland und zweitens „müssen wir davon wegkommen, dass wir beim Naturschutz immer im Bereich von Portokasse denken“, mahnt Wolfgang Fiedler.

Bundeswettbewerb „Naturstadt – Kommunen schaffen Vielfalt

Das Bündnis Kommbio stärkt die Bedeutung von Natur im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen und den Schutz der biologischer Vielfalt in den Kommunen. Tipps, Wettbewerbe, Praxisbeispiele informieren über die vielen Möglichkeiten von Städten und Gemeinden. Mit dem Bundeswettbewerb „Naturstadt – Kommunen schaffen Vielfalt“ sollen Beispiele ausgezeichnet werden, bei denen Insekten gefördert und mehr Natur in Kommunen zugelassen wird. Einsendeschluss ist der 31. Mai 2020.

Mehr Informationen unter www.kommbio.de

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