Neue Statistik

Corona-Krise bremst das Carsharing-Wachstum

Carl-Friedrich Höck17. Februar 2021
Corona-Effekt: Stationsunabhängiges Carsharing hat zahlreiche neue Nutzer*innen gewonnen. Die Verkehrswende wird das wohl kaum vorantreiben.
Im Corona-Jahr 2020 haben sich hunderttausende Menschen neu bei Carsharing-Unternehmen angemeldet – offenbar, um volle Busse und Bahnen zu meiden. Trotzdem ist der Carsharing-Ausbau ins Stocken geraten. Die Unternehmen zögern, in neue Standorte und Fahrzeuge zu investieren.

Neue Zahlen zeigen, wie sich die Corona-Krise auf die Entwicklung der Carsharing-Branche ausgewirkt hat. Vorgelegt wurden sie am Mittwoch vom „Bundesverband Carsharing e.V.“ (bcs). Für seine jährliche Statistik hat er Daten bei sämtlichen deutschen Carsharing-Unternehmen abgefragt.

Free-floating gewinnt deutlich mehr Nutzer*innen

Offenbar hat die Pandemie viele Menschen dazu bewegt, lieber in ein gemietetes Auto zu steigen als in Busse und Bahnen. Dafür spricht die hohe Zahl von 584.400 Neuanmeldungen. Damit gibt es nun 25,5 Prozent mehr Fahrberechtigte als vor einem Jahr.

Ein Erfolg für die Verkehrswende ist das aber nur bedingt, wie bcs-Geschäftsführer Gunnar Nehrke erklärt. Denn die Neuanmeldungen sind fast alle (rund 570.000) auf sogenannte Free-floating-Angebote zurückzuführen, bei denen das Auto innerhalb des Geschäftsgebietes überall gemietet und abgestellt werden kann. Free-floating werde vor allem genutzt, um kurze Wege innerhalb einer Stadt zurückzulegen – also als Alternative zu ÖPNV oder Taxi. Free-floating-Carsharing bewege vergleichsweise wenige Menschen dazu, sich vom eigenen Auto zu trennen, sagt Nehrke.

Das sei bei stationsbasierten Carsharing-Angeboten anders, zumal diese auch für längere Fahrten in Anspruch genommen würden. Außerhalb der großen Metropolen ist diese Form des Carsharings auch deutlich verbreiteter. In 855 Städten und Gemeinden gibt es stationsbasierte Angebote, aber nur in 15 Städten reine Freefloating- und an 20 Orten kombinierte Varianten.

Kaum neue Standorte und Fahrzeuge

Das Wachstum des stationsbasierten Carsharing ist offenbar vorerst gebremst. Neu hinzugekommen sind im zurückliegenden Jahr nur 15 neue Standorte. 2019 waren es noch 100 neue Orte. Nehrke wertet das als „eine Dämpfung, die eindeutig coronabedingt ist.“ Denn die Unternehmen würden neue Standorte nur eröffnen, wenn sie auch wissen, dass es funktioniert. Diese Planungssicherheit fehlt in der Pandemie offenbar.

Das zeigt sich auch bei den Fahrzeugflotten: Alle Anbieter zusammen haben die Zahl der Fahrzeuge um gerade einmal 820 erhöht, ein Plus von 3,2 Prozent (auf 26.220). Im Vergleich zu den Vorjahren sei das „ein eher moderates Wachstum“, sagt bcs-Geschäftsführer Nehrke. Auch darin drücke sich die Corona-Krise aus, weil die Unternehmen die wirtschaftliche Lage erstmal beobachten und sich mit Investitionen zurückhalten.

Davon abgesehen sind die Unternehmen aber relativ gut durch die Krise gekommen. Nehrke berichtet: Im Zeitraum März bis April 2020 sei die Zahl der Buchungen zwar deutlich zurückgegangen, teilweise um bis zu 80 Prozent. Im Sommer und Herbst habe sich die Lage aber wieder entspannt. So hätten Nutzerinnen und Nutzer vermehrt auf Carsharing zurückgegriffen, um Ausflüge zu machen und „mal rauszukommen“. Negative Effekte seien vor allem in der Peripherie und im ländlichen Raum zu beobachten gewesen – also dort, wo das wirtschaftliche Risiko für die Unternehmen ohnehin besonders hoch sei. Das Land Baden-Württemberg hat sogar einen Rettungsschirm aufgespannt, um Carsharing-Angebote in Randlagen zu erhalten.

Forderungsliste an die Politik

Damit der Carsharing-Ausbau im Sinne der Verkehrswende nicht an Fahrt verliert, erhofft sich der bcs mehr Unterstützung von der Politik und fordert ein „Nationales Entwicklungsprogramm Carsharing“. Eine entsprechende Wunschliste hat der Lobbyverband Anfang Februar an Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geschickt:

  • Der bcs hofft auf eine gezielte Förderung von Carsharing-Standorten an der städtischen Peripherie, in kleineren Orten und im ländlichen Raum – ähnlich wie in Baden-Württemberg. Das könne zum Beispiel eine Anschubfinanzierung sein.
  • Die Bundesregierung soll Kommunen beim Ausbau von Carsharing-Stellplätzen im Öffentlichen Raum unterstützen.
  • Gefördert werden soll auch die Ladeinfrastrukturen für Carsharing-Stellplätze an öffentlichen Straßen.
  • Damit die Bürger*innen sich leichter online für Carsharing registrieren können, soll die Bundesregierung zügig einen digitalen Führerschein entwickeln.
  • Zudem schlägt der Verband einen Sharing-Zuschusses für private Haushalte vor, die auf ein eigenes Auto verzichten – analog zu Instrumenten wie der Umweltprämie, von der nur Autobesitzer*innen profitieren.

Eine Reaktion aus dem Bundesverkehrsministerium hat der Bundesverband Carsharing noch nicht erhalten.

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