Energiewende

Datensammeln für die kommunale Wärmewende

Uwe Roth08. November 2022
Das Solarthermie-Feld in Ludwigsburg gehört zu den größten in Deutschland.
In Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein ist die kommunale Wärmeplanung bereits Gesetz. Wie funktioniert das?

Die Wärme-Wende war vor der von Russland herbeigeführten Gaskrise schon ein ­Klima-Thema. Der Engpass wird die Transformation wohl beschleunigen. Die Kommunalpolitik muss diese begleiten: So müssen für den Auf- und Ausbau eines Wärmenetzes oder die Wärmeerzeugung aus Abwärme und Erneuerbare Energien Flächennutzungs- und Bebauungspläne vorbereitet werden. Egal welche gesetzliche Vorgaben zur kommunalen Wärmeplanung kommen, am Ende müssen die Gremien vor Ort in der nächsten Runde der Energiewende mitziehen und grünes Licht geben.

Stand bei den Erneuerbaren Energien bislang die Herstellung von Strom im ­Fokus, stellt sich nun die Frage, wie heizt man Räume klimaneutral? Die gleiche ­Herausforderung stellt sich beim Heißwasser sowie bei der Prozesswärme (zum Beispiel industrielle Trocknungsverfahren). Heizen und Kühlen machen laut Umweltbundesamt die Hälfte des Gesamtenergieverbrauchs aus. Somit steckt in der Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zur Klimaneutralität sowie Einsparung von Energie großes Potenzial.

Große Städte sind zum Mitmachen verpflichtet

Beim Strom ist der Umstieg auf erneuerbare Energieträger weitgehend dem Prinzip des Zufalls und Ehrgeiz Einzelner überlassen geblieben. Die Wärme-Wende soll hingegen planvoll verlaufen. Druck bauen die ausbleibenden Gas­lieferungen auf: Blockheizkraftwerke, die Wärme und Strom produzieren, werden meistens mit Erdgas betrieben. Wegen der hohen ­Effizienz schien die Klimabilanz bislang erträglich. Nun müssen für Gaskraftwerke schneller Alternativen gefunden werden als gedacht. Der Beratungsbedarf habe zugenommen, heißt es aus Kiel.

Baden-Württemberg und Schleswig-­Holstein haben die Planungen der Wärme-Wende bereits eingeleitet. Beide Bundesländer taten dies Ende vergangenen Jahres mit einer Novelle ihrer Klimaschutzgesetze. Schleswig-Holstein hat die Kälteplanung einbezogen. Im Visier sind sämtliche Gebäudetypen, egal ob in privater, öffentlicher oder gewerblicher Hand, aber nicht in allen Kommunen. Im Süden sind die 103 Stadtkreise und Große Kreisstädte verpflichtet, bis Ende 2023 einen kommunalen Wärmeplan aufzustellen. Kleinere Kommunen ab 5.000 Einwohner können sich freiwillig beteiligen. Im Norden sind die 78 Gemeinden verpflichtet, die zu den Mittel- und Oberzentren, Unterzentren mit Teilfunktion von Mittelzentren sowie den Unterzentren und Stadtrandkernen erster Ordnung im Land gehören. In Schleswig-Holstein müssen diese spätestens in drei Jahre fertig sein. Freiwillig sollen Kommunen ab 1.000 Einwohner mitmachen können.

2040 soll Klimaneutralität erreicht sein

In Baden-Württemberg lautet das Ziel, spätestens 2040 eine klimaneutrale Wärme-Versorgung zu haben. In Schleswig-Holstein ist das Jahr 2045 angepeilt. Das Jahrzehnt davor sollen die notwendigen Bauprojekte realisiert werden. Erster Schritt ist das große Datensammeln, um eine Bestandsanalyse erstellen zu können. Gesammelt werden Informationen zum Gebäudebestand (Gebäudetyp und -alter), zum aktuellen Wärmebedarf oder -verbrauch und zu den daraus resultierenden Treibhausgasemissionen sowie zur existierenden Infrastruktur der Wärmeversorgung im Gemeindegebiet. Datenlieferanten sind neben den Verwaltungen und Versorgern auch die Schornsteinfeger, die dazu verpflichtet sind.

Die Kommunen können sich für den gesamten Planungsprozess externe Dienstleister suchen, sagt ­Markus ­Toepfer, Projektmanager bei der Landesen­ergieagentur, die in Baden-Württemberg zentrale Anlaufstelle ist. Er schätzt, dass deutschlandweit 40 bis 50 Planungsbüros diese Dienstleistung anbieten. Die Landesregierung hat mehr als zehn Millionen Euro für deren Honorierung bereitgestellt. In Schleswig-Holstein ist die Landesenergieagentur bei der Investitionsbank angesiedelt.

Mehrere Kommunen haben die Möglichkeit, sich zu „einem Konvoi“ zusammenzuschließen. Die Stadt Bietigheim-­Bissingen (20 Kilometer nördlich von Stuttgart) hat gemeinsam mit drei benachbarten Kommunen im Mai 2022 mit der Planung begonnen. Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD) betont, dass seine Stadt in den vergangenen Jahren „schon sehr viel umgesetzt und erreicht hat“. Die kommunale Wärmeplanung stellt für ihn mit der „umfassenden und strategischen Planung zur klimaneutralen Wärmeversorgung ein weiteres wichtiges Werkzeug auf dem Weg zur Klimaneutralität dar“.

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