Nahversorgung in den Kommunen

Innenstadt-Impulse und Heimat-Shoppen

Maicke Mackerodt27. April 2021
Fußgängerzone in der Innenstadt von Wesel. Zahlreiche Geschäfte mit unterschiedlichen Warenangeboten machen die Innenstadt attraktiv.
Viele Innenstädte leiden unter Corona-Einschränkungen. In Kaiserslautern und Wesel geht es im Vergleich mit ­anderen Mittelzentren wieder aufwärts. Wie die Politik und die Stadtoberen den Einzelhandel unterstützen.

Uns war von Anfang an wichtig, alle mit ins Boot zu nehmen. Die Innenstadtakteurinnen und -akteure sollen mit uns gemeinsam die Innenstadt überarbeiten“, so Kaiserlauterns Oberbürgermeister Klaus Weichel (SPD): „Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel, Tourismus, Kultur und Dienstleister waren schon vor der Corona-Krise die Leidtragenden und können am besten erklären, wie wir sie unterstützen können. Die Pandemie hat nur noch Öl ins Feuer gegossen und die Situation deutlich verstärkt.“ 

Drei-Stufen-Plan für die Innenstadt

Die Industrie- und Universitätsstadt gilt zwar als Tor zum Pfälzer Wald. Weil Kaiserslautern aber auch als Verkehrsanker zwischen Mainz, Mannheim und Saarbrücken liegt, reizte es die Kundinnen und Kunden, zum Einkaufen schnell in eine etwas größere Stadt zu fahren. Deshalb wurde bereits vor der Pandemie ein Drei-Stufen-Plan entwickelt, um die Innenstadt der kreisfreien Stadt wieder attraktiver zu machen, aber bisher sei die Finanzierung das Problem gewesen, sagt OB Klaus Weichel.

Nun werden Kaiserslautern und vier weitere Oberzentren in Rheinland-Pfalz von der Landesregierung unterstützt: Insgesamt 2,5 Millionen Euro bekommen die fünf Kommunen, um ihre Innenstädte nach dem Corona-Lockdown wieder lebendig zu machen, kündigten Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) zuletzt an. Auch Kaiserslautern erhält für das Modellvorhaben „Innenstadt-Impulse“ sowohl 2021 als auch 2022 je 250.000 Euro. Die Mittel sind sehr frei einsetzbar, auch für Vorhaben, die bislang nur bedingt förderfähig waren. Die Finanzierungsbeteiligung des Landes ­beträgt 90 Prozent.

„Das Hilfsprogramm ist ein wichtiges Signal. Unsere Innenstädte drohen zu den großen Verliererinnen der Corona-Pandemie zu werden. Es bedarf einer gemeinsamen Kraftanstrengung, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken“, so Klaus Weichel. Sobald die Pandemie es zulässt, startet Kaiserslautern seine erste Phase, die schnelle Belebungs­strategie: „Veranstaltungen sollen Kunden für Einzelhandel und Gastronomie in die Innenstadt locken, mit Straßenkünstlern, Balkon- oder Schaufensterkonzerten, Street-Food-Festivals, die Einweihung des Schillerplatzes oder ‚Lautrer Sommerabenden‘“, sagt der SPD-Oberbürgermeister.

Mehrwert für Kunden bieten

Bereits vor der Pandemie hatte die Stadtverwaltung regelmäßig die Leerstände in der Innenstadt kontrolliert. Aber erst die coronabedingten Maßnahmen zeigten, dass eine der Hauptursachen für das Ladensterben und damit die Leerstände auch die Bequemlichkeit der Kunden ist. Für die verantwortliche Bürgermeisterin Beate Kimmel (SPD) ist aber „die Innenstadt das Herz von Kaiserslautern. Sie ist mit Pfalztheater, japanischem Garten, Museen und Kirchen der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.“ Umso wesentlicher sei es „die Innenstadt zu unterstützen, die einen großen Mehrwert im Gegensatz zum Online-Handel hat. Dieser Mehrwert muss nun den Kunden durch unseren Drei-Stufen-Plan verdeutlicht werden.“

In einer zweiten Phase geht es mittelfristig um Nachhaltigkeit – und dafür sind ganzjährig Aktivitäten geplant. „Mit den Fördermitteln können wir leer stehende Immobilien anmieten und als Büroflächen für Start-ups anbieten“, erklärt Bürgermeisterin Kimmel. „Pop-up-Stores und sogar Kunstausstellungen kann ich mir gut in den leer stehenden Laden­lokalen vorstellen.“ Die Impuls-Aktionen sollten möglichst wetter- und jahreszeiten­unabhängig sein. Außerdem könnten Stadtmöblierung und Lichtinstallationen den Innenstadtaufenthalt verbessern.

Mehr als Einkaufen und Essen

Phase drei behandelt die langfristige Innenstadtentwicklung, geht somit also in die Bauleitplanung. Dies soll für den SPD-Oberbürgermeister Klaus Weichel „der Weg in die moderne Innenstadt sein, nicht mehr nur als Zentrum zum Einkaufen und Essen gehen, sondern auch als Aufenthaltsort und Treffpunkt. Die Qualität muss für diese Mischnutzung angepasst werden. Mehr Grün- oder Wasseranlagen, baulicher Umbau der Fußgängerzone oder Fahrradstraßen sind dafür notwendig.“

Corona hat die Innenstadt stark getroffen. Damit es für den Re-Start eine Perspektive gibt, wurde eigens ein Onlineportal initiiert, auf dem sich alle ­Innenstadtpartnerinnen und -partner einbringen konnten. Die Ergebnisse liegen zwar noch nicht vor, aber folgende Ideen könnten die Innenstadt von Kaiserslautern attraktiver machen: zusätzliche Sitzplätze und Grünflächen, weitere Spielmöglichkeiten für Kinder, ein Mehrgenerationenplatz und viele Trinkwasserbrunnen. Wo jetzt Leerstände herrschen, könnten eine Markthalle oder überdachte Sitzgelegenheiten entstehen. Wiederaufleben würde die Innenstadt sicher auch mit Kinderbetreuung an Marktsamstagen, Flohmarkt an der Stiftskirche, mit kostenlosen Parkplätzen, kostenlosem ÖPNV und einem Radwegeausbau.

Blick nach Wesel

Ortswechsel: Um ihre Innenstadt aufzuwerten, richtete die alte Hansestadt Wesel ungewöhnlich früh Anfang der 2000er Jahre einen Gestaltungsbeirat mit auswärtigen Fachleuten ein, der bis heute wesentliche städtebauliche Planungen und Vorhaben beurteilt. Auf der Grundlage des Innstadtkonzepts und eines „Masterplans Innenstadt“ wurde Wesel 2006 sogar in das Städtebauförderungsprogramm „Stadtumbau West“ aufgenommen. Die Förderung läuft noch bis 2022. „Es gab immer wieder Ansätze von Firmen, die auf der grünen Wiese bauen wollten, was aber schädlich für unsere Innenstadt gewesen wäre“, macht Ulrike Westkamp (SPD) deutlich. Die Bürgermeisterin von Wesel sieht ihre Innenstadt gut aufgestellt, nicht zuletzt, weil „wir sie in den vergangenen Jahren mit vielen Maßnahmen aufgewertet haben“.

Weitsichtig und klug wurde zum Beispiel auf der Grundlage eines europaweiten städtebaulichen Wettbewerbs die Fußgängerzone von 2011 bis 2013 neugestaltet, um den „Wohlfühlfaktor“ in der Innenstadt zu erhöhen, wie ­Ulrike Westkamp es nennt: „Der Bahnhof wurde umfassend modernisiert und barrierefrei umgebaut, es gibt ein brandneues Bike-Hostel und seit Jahren eine Fahrradstation. Außerdem wurde ein Fassadenprogramm umgesetzt und die historische Rathausfassade ­rekonstruiert.“

Attraktives Zentrum

Die fahrradfreundliche Kreisstadt am Rande des Ruhrgebiets ist ein attraktives Wirtschafts- und Einkaufszentrum mit hohem Wohn- und Freizeitwert. Sie punktet mit gebührenfreiem Parken für Autos wochentags ab 16 Uhr sowie am Wochenende. Das passt gut zu den Aktionen der 2015 gegründeten WeselMarketing GmbH, die den Standort vermarktet. 51 Prozent der Anteile an der GmbH hält die Stadt. Etabliert wurden neben Stadtfesten Events auf den Plätzen der Innenstadt wie „KulturGenussKultur“, „Feierabendmärkte“ oder „Musik auf dem Kornmarkt“, deren Erfolg sich für die SPD-Bürgermeisterin „auch in den Frequenzzahlen widerspiegeln“.

Mit der Zukunft von Wesel als Einkaufsstadt hat sich seit Anfang 2019 außerdem erneut die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) aus Köln beschäftigt. Nach 2006 und 2012 wurde das Einzelhandelskonzept fortgeschrieben. Gedacht als Steuerungskonzept und damit eine Grundlage für städtische Entscheidungen, welches Gewerbe wo seinen Platz findet. „Bisher hat sich die Innenstadt von Wesel sehr, sehr gut gehalten“, lautet das Urteil der GMA-Fachfrau Birgitt Wachs. „Die klaren Vorgaben helfen dabei, Betriebe in Wesel zu erhalten und neu anzusiedeln“, so Westkamp.

Wesel lockt das Umland an

Ein wichtiger Pluspunkt der Kreisstadt: Trotz Leerständen in der Innenstadt hat Wesel die höchste Kaufkraft im Kreis. Laut GMA wird sogar mehr Umsatz vor Ort erzielt, als Kaufkraft in Wesel vorhanden sei. Das heißt, Wesel lockt mit seiner attraktiven Innenstadt Kunden von außerhalb an, die vor allem Bücher, Spielwaren, Kleidung, Schuhe und Sportartikel kaufen. Laut GMA-Umfrage suchen 41 Prozent der 60.000 Einwohner und Einwohnerinnen mindestens einmal die Woche die Innenstadt auf, um Artikel des täglichen Bedarfs oder Kleidung zu kaufen. Die Einheimischen schätzen den Wochenmarkt, den persönlichen Kontakt in inhabergeführten Geschäften, und dass sie den Einkauf mit anderen Erledigungen kombinieren können: Auswärtige schätzen die gute Erreichbarkeit mit dem Auto und die ­attraktive Einkaufsatmosphäre.

Aufgrund von Corona und Online­handel verzeichnet der Einzelhandel trotzdem „große Umsatzeinbußen“, so die SPD-Bürgermeisterin Ulrike ­Westkamp. „Wir haben zahlreiche Hilfen auf den Weg gebracht wie ein Internetportal für Liefer- und Abholangebote und einen Stadtgutschein, den wir mit 20 Prozent des gekauften Wertes unterstützten. Wir stellen bis zu eine Million Euro als Zuschuss zur Verfügung, so dass dem lokalen Handel etwa fünf Million Euro zugutekommen.“

Mit Stadtgutscheinen shoppen

Mit dem Stadtgutschein wird auch das Heimat-Shoppen unterstützt, eine Initiative, die in Wesel seit einigen Jahren ­vorangetrieben wird. Vor allem zahlreiche Geschäfte mit unterschiedlichen Warenangeboten machen für Ulrike Westkamp „unsere Innenstadt attraktiv“. Heimatshoppen ist für die SPD-Bürgermeisterin ein wichtiges Stichwort. Das SCALA Kulturspielhaus präsentiert in der spielfreien Zeit Pop-up-Stores, der Einzelhandel setzt eigene kreative Ideen um, wie RegalLokal, für Westkamp „eine pfiffige, lokale Verkaufsplattform: Künstler, Gewerbetreibende und Privatleute können Regalfächer anmieten und ihre Waren verkaufen lassen.“

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