Kriminalität

Jugendkrawalle: „Migrationserfahrung ist nicht die zentrale Ursache”

Carl-Friedrich Höck06. Dezember 2023
Überreste von verbrannten Mülltonnen und E-Scootern nach Randale in der Silvesternacht 2022/23 in Berlin-Neukölln.
Neigen Jugendliche mit Migrationsgeschichte häufiger zu Straftaten? Diese Frage wurde nach Krawallen in Stuttgart und Berlin viel diskutiert. Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis deuten darauf hin, dass andere Faktoren viel wichtiger sind.

Das Wort delinquent bedeutet so viel wie straffällig oder verbrecherisch. Die Wissenschaft nutzt es besonders für junge Menschen, die gegen Regeln und Gesetze verstoßen. Wenn delinquente Jugendliche in den Medienberichten auftauchen, geht es oft um aufsehenerregende Krawalle – wie in der Berliner Silvesternacht 2022/23 oder im Sommer 2020 in Stuttgart. In beiden Fällen folgte eine politische Debatte darüber, ob es sich bei der Gewalt um ein Migrationsproblem handelt.

Der Mediendienst Integration ist der Frage nun nachgegangen und hat dazu eine Expertise beauftragt. Erstellt hat sie Christian Walburg, Jurist und Kriminologe an der Universität Münster. In einem Pressegespräch wurden die Ergebnisse am Dienstag vorgestellt.

Jahrelang nahm die Gewalt ab

Laut Walburg ist die Jugendgewalt ab Mitte der 2000er bis 2015 erheblich zurückgegangen. Seitdem ist sie offenbar wieder angestiegen, insbesondere nach der Corona-Pandemie – darauf deuten zumindest Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik hin. „Für eine umfassende wissenschaftliche Einordnung ist es noch zu früh“, sagt Walburg.

Dass die Entwicklung lange Zeit in eine positive Richtung zeigte, hatte Gründe: Die Jugendarbeitslosigkeit war gesunken, gewaltsame Erziehung im Elternhaus wurde seltener. Laut Walburg waren auch an den Schulen verstärkt Anstrengungen unternommen worden, auf Gewaltlosigkeit hinzuwirken.

Dann kamen ab 2014 viele Geflüchtete nach Deutschland. Darunter ein hoher Anteil junge Männer – eine Gruppe, die laut Walburg in allen Gesellschaften ein überdurchschnittliches Gewaltpotenzial zeige.

Was Gewalt begünstigt

In seiner Expertise stellt er aber auch klar: „Eine Migrationserfahrung ist keine direkte oder zentrale Ursache für Delinquenz.“ Zwar würden Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas häufiger intensiv straffällig als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, doch auch hier betreffe das nur einen kleinen Teil von ihnen.

Andere Faktoren spielen aus Sicht des Experten eine weit wichtigere Rolle: etwa ungünstige Sozialisationsbedingungen, eine geringe Akzeptanz sozialer Normen, niedrige Selbstkontrolle, delinquente Freundeskreise oder geringere Ressourcen der Eltern, sich um ihre Kinder zu kümmern. „Für junge Geflüchtete ergeben sich besondere Herausforderungen, etwa weil die Familie nicht vor Ort ist, sie manchmal ungünstige Vorerfahrungen mit Gewalt und zum Teil wenig Perspektiven auf einen gesicherten Aufenthalt haben“, schreibt Walburg in der Expertise.

Ostberlin und Westberlin – die Erfahrungen sind ähnlich

Ralf Gilb ist Geschäftsführer bei Outreach, einem Träger für mobile Jugendarbeit. „Wir machen die Erfahrungen, dass die Ursache von Gewalt und Delinquenz unabhängig von Migrationshintergrund zu sehen sind“, berichtet er. Seit mehr als 30 Jahren ist Outreach in Berliner Brennpunkten aktiv. Im Westteil der Stadt arbeite man mit Jugendlichen, von denen 80 Prozent einen Migrationshintergrund haben, sagt Gilb. Im Ostteil der Stadt seien es eher Jugendliche mit deutscher Herkunft.

Ob der Stadtteil aber Neukölln oder Altglienicke heißt, ist zweitranging. Wenn bestimmte Faktoren zusammentreffen, macht Outreach überall ähnliche Erfahrungen. Dazu gehören laut Gilb etwa Gewalterfahrungen in der Familie, ein ungünstiger Einfluss durch Freunde („Peergroup“), Langeweile aus Mangel an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten oder fehlende Zukunftsperspektiven.

Fehlende Anerkennung

In einem Kontext aber „spielt der Migrationshintergrund absolut eine Rolle“, meint Meri Uhlig, die Integrationsbeauftragte der Stadt Karlsruhe. Sie hört oft den Satz „Ich fühle mich hier nicht reingeboren, obwohl ich hier geboren bin.“ Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlten sich häufig nicht anerkannt, und – was vielleicht noch schlimmer sei – auch ihre Eltern würden von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt.

In Karlsruhe werde nicht über Brennpunkte oder Parallelgesellschaften diskutiert, berichtet Uhlig. Das liege auch an einem guten Netz aus Präventivarbeit. Karlsruhe habe Jugendschutz-Teams, eine sehr gut ausgebaute Schulsozialarbeit und eine offene Jugendarbeit. Im August 2022 wurden beschleunigte Verfahren eingeführt, damit straffällig gewordene Jugendliche schnell Konsequenzen spüren. Die Stellen im kommunalen Ordnungsdienst wurden aufgestockt.

Außerdem wurde 2019 in Karlsruhe der erste Drogenkonsumraum in Baden-Württemberg eröffnet. Barbetreiber*innen werden zum Thema K.o.-Tropfen geschult, es gibt ein „Haus des Jugendrechts“. Und bei Bedarf, so Uhlig, würden Fallkonferenzen einberufen, in denen sich verschiedene Akteur*innen zusammensetzen, um über heikle Fälle zu sprechen und auszuloten, was etwa die Schulsozialarbeit oder lokale NGOs unternehmen können. „Wichtig ist, dass man dauerhaft an den Jugendlichen dran ist, abgestimmt und am besten auch an der Familie“, fasst Uhlig zusammen.

Ausschreitungen gab es auch früher

Dass junge Menschen Krawalle veranstalten, ist laut Christian Walburg kein neues Phänomen. Er erinnert unter anderem an die Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen Anfang der 1990er Jahre oder an die Gewalt deutscher Fans bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich. Probleme etwa in benachteiligten Stadtvierteln oder während der Corona-Pandemie könnten Ausschreitungen begünstigen. Auslöser seien häufig Begegnungen mit der Polizei. Es komme zu Gruppendynamiken, in denen sich die Gewalt bei den Teilnehmern hochschaukelt.

Eine Law-and-order-Politik mit viel dauerhafter Polizeipräsenz hält Walburg für enorm riskant. Er rät dazu, das positive Bild von der Polizei zu bewahren, das in Deutschland noch viele Jugendliche hätten – anders als etwa in Frankreich. „Haudrauf-Rhetorik ist Fehl am Platz“, meint er. Meri Uhlig sieht es ähnlich. Während andere Kinder die Arbeit der Polizei in Pixie-Büchern erklärt bekämen, machten Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund Erfahrungen mit Racial Profiling, sie würden also besonders häufig kontrolliert. Zur Deeskalation, so ist herauszuhören, trägt das nicht bei.

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