Wirtschaft in Osdeutschland

Zittau: Schon gibt es wieder mehr Zuzüge als Abgänge

Harald Lachmann21. März 2019
Zwischen Weihnachten und Neujahr 2018 fand die Rückkehrerbörse statt. Ein guter Zeitpunkt: Viele gebürtige Zittauer besuchen ihre Eltern.
Wie die Wirtschaftsförderung im ostsächsischen Zittau Rückkehrern neue Perspektiven eröffnen will. Ein Erfolg ist der „Rückkehrertag“, die seit dem Jahr 2017 stattfindet.

Bis über die Grenze ins tschechische Filipov parkten die Autos, als Firmen aus Zittau und Ebersbach-Neugersdorf am 27. Dezember 2018 zur gemeinsamen Präsentation in „Rößlers Ballhaus“ baten. Im Blick hatten ihre Chefs vor allem jene, die nach Abitur und Lehre Ostsachsen verlassen hatten, um in der Ferne Arbeit und Zukunft zu finden. Auch Thomas Zenker aus Zittau hatte einst zu Hause gehört: „Geh weg, das wird hier nichts mehr...“

Zittau ist geschrumpft

Zenker studierte in Leipzig und Paris, lebte dann in Berlin. Gleich ihm taten es in den 1990er Jahren teils ganze Abi-Jahrgänge. So schrumpfte Zittau von 40.000 auf derzeit gut 25.000 Einwohner. Die ganze Dramatik zeigen die Beschäftigtenzahlen: Von 1991 zu 2017 sanken sie von mehr als 35.000 auf knapp 11.500 Sozialversicherte.

Hauptgrund ist Zittaus extreme Grenzlage: Zwei Drittel des Hinterlandes liegen bereits in Tschechien und Polen, doch die Förderprioritäten sächsischer Landesentwicklung, so bei Ansiedlungen, endeten weit vorher. Doch es geht bergauf. „Wir haben bereits mehr Zu- als Wegzüge“, freut sich Thomas Zenker, inzwischen heimgekehrt nach Zittau – und seit Juni 2015 hier sogar der Oberbürgermeister. Auch die Stimmen der SPD machten den Parteilosen dazu.

Weihnachten als bewusst gewählter Termin

Gloria Heymann, die Amtsleiterin für Wirtschaftsförderung, gehört ebenfalls zu jenen, die aus der Fremde wiederkamen. Und an diese, doch noch nicht verlorenen Kinder der Stadt, wenden sich nunmehr Aktionen wie der angesprochene Rückkehrertag im Ebersbacher Ballhaus. Auch der Zeitpunkt um Weihnachten war bewusst gewählt: „Wann besuchen mehr Weggegangene ihre Eltern…?“, fragt Heymann.

Die erste „Rückkehrerbörse 2017“,  auch schon mit Ebersbach-Neugersdorf organisiert, hatte den Wirtschaftsförderern Mut gemacht. „Die Vermittlung in Jobs war richtig erfolgreich“, erinnert sich Zenker. Und auch mit der Neuauflage sei man „sehr zufrieden“, so Gloria Heymann: „Die 30 Unternehmen, die einen breiten Branchenmix vertraten, begrüßten rund 450 Besucher.“ Um zugleich die Attraktivität für junge Familien aufzuzeigen, hatte der Rathauschef hierzu auch die städtische Wohnbaugesellschaft und die Zittauer Kita GmbH ins Boot geholt. Denn letztlich sei auch er „zurückgekommen, weil man sein Kind in Zittau definitiv besser aufziehen kann als in Berlin“, betont der 43-Jährige.

Bürgermeister Zenker setzt auf Nachhaltigkeit

Dass das Zittau von heute nicht mehr das der 1990er Jahre ist, erlebt man auf Schritt und Tritt rund um das nach Schinkel-Plänen errichtete Neorenaissance-Rathaus. Millionen wurden seither verbaut. Wirbt Zenker heute für Zittau, wirbt er mit Lebensqualität. Dazu gehören interessante Arbeitsplätze, die er indes künftig noch besser entlohnt sehen will, bezahlbare Mieten, intakte Infrastruktur, viele Sportvereine, eine überbordende Kultur – und ein gutes Klima. So habe man einige der Projekte, für die man nun auch erhebliche Gelder aus EU-Fördertöpfen erhält, gezielt auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: die Umstellung der Stadtbeleuchtung oder den Ausbau der Fernwärme in der Altstadt etwa.

Einen besonderen Schwerpunkt beim Ausweisen des EFRE-Programmgebietes „Zittau-Mitte“ legte das Rathaus überdies darauf, kleinem und mittelständischem Gewerbe und Handel lukrative Ansiedlungsperspektiven zu eröffnen. Zuschüsse bis 50.000 Euro sind drin, wenn man dieselbe Summe auch selbst aufbringt. Das Geld stamme zu 80 Prozent von der EU, und die Förderung laufe noch bis 2021, so Zenker, der übrigens 2018 für die von ihm verfasste „Oberlausitzer Erklärung: Für eine lebenswerte Region – ohne Rechtsextremismus!“ von 40 Bürgermeistern einen DEMO-Kommunalfuchs erhielt.

Sachsen und Böhmen kooperieren

Inzwischen kooperieren nun auch Sachsen und Böhmen mit einem gemeinsamen Förderprogramm über Grenzen hinweg, um die Region aus ihrer Randlage zu holen. Für Zenker ist das nur folgerichtig, denn längst blühe zwischen Zittau und dem tschechischen Liberec, aber auch nach Polen „eine sehr spezifische Kultur des Miteinanders“, etwa auf Vereinsebene.

Vor diesem Hintergrund wagte er nun gar eine Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt „Zittau Dreiländereck 2025“. Beistand erhofft sich Thomas Zenker dabei auch von den Amtskollegen in Görlitz, Löbau, Bautzen und Kamenz. Denn jene Mittelzentren bildeten mit dem nun polnischen Lubań 1346 bis 1815 den Oberlausitzer Sechsstädtebund. Ihn will er gern wiederbeleben. „Wenn wir fünf Oberbürgermeister im Landtag mit einer Stimme sprechen, wirkt das stärker, als wenn es eine Fraktion tut“, ist er sicher.

 

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