Best Practise

Wie die Stadt Schorndorf den ÖPNV der Zukunft erprobt

Diana Callego Carrera14. Mai 2018
Kleinbus Schorndorf
Nicht nur variable Fahrtzeiten, sondern auch kleinere Busgrößen passen sich dem Bedarf an.
Mit einem „Reallabor” testet die Stadt Schorndorf in Baden-Württemberg neue Möglichkeiten, um den öffentlichen Personennahverkehr zu optimieren. In Zeiten schwacher Nachfrage werden Kleinbusse eingesetzt, die von den Kunden gerufen werden müssen. Sie sind nicht an fixe Abfahrtsvermine oder Fahrtrouten gebunden.

Die Stadt Schorndorf ist sowohl was die Siedlungs- und Raumstruktur als auch das Mobilitätsverhalten ihrer Einwohner angeht eine typische Mittelstadt im Süden Baden-Württembergs: Mit circa 40.000 Einwohnern zeigt sich in der Stadt einerseits ein hohes Aufkommen an Individual- und Pendlerverkehren, andererseits fahren die großen Linienbusse in den Nebenverkehrszeiten halbleer durch die Innenstadt. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, wie der Öffentliche Personennahverkehr attraktiver gestaltet werden kann, um Umwelt und Verkehrsaufkommen massiv zu entlasten.

Kleinbusse werden nach Bedarf eingesetzt

An dieser Stelle setzt das Projekt „Reallabor Schorndorf“ an. Hierbei arbeitet die Stadt Schorndorf gemeinsam mit den Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, dem Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart, der Hochschule Esslingen, dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart sowie mit dem örtlichen Busbetreiber Knauss Linienbusse zusammen.

Das Projektteam hat ein Buskonzept entwickelt, das effiziente und ressourcenschonende (Hybrid-)Kleinbusse einsetzt, die mittels digitaler Lösungen nur noch nach Bedarf, aber dafür weitestgehend nach individuellen Wünschen und Bedürfnissen der Fahrgäste fahren. Hierbei müssen sich die Fahrgäste nicht mehr länger nach fixen Abfahrtsterminen mit festgelegten Fahrtrouten richten, sondern der Bus richtet sich nach den Bedürfnissen des Fahrgastes. So kann der Fahrgast bei der Bestellung eines Busses beispielsweise angeben, wann er abfahren und wo er abgeholt werden will. Ein dem Bestellsystem hinterlegter Algorithmus berechnet dann die reale Abholzeit des Fahrgastes und sagt ihm gleichzeitig, wo er auf den Bus warten soll.

Virtuelle Haltepunkte

Hierbei können Fahrgäste neben den regulären Haltestellen auch sogenannte virtuelle Haltepunkte nutzen. Mehr als 200 dieser potenziellen Ein- und Ausstiegsplätze hat das Projektteam festgelegt. Ziel dieses zusätzlichen Angebotes ist es, dass sich die Laufwege von derzeit durchschnittlich 500 Meter bis zur nächsten regulären Haltestelle auf 150 bis höchstens 200 Meter verkürzen.

Dieses individuell abrufbare Bussystem wird für die kommenden neun Monate die Hauptverkehrsverbindungen in Schorndorfs Südstadt in Zeiten schwächerer Nachfrage ersetzen. Somit gilt es fortan, nicht mehr einfach nur noch an der Haltestelle auf den Bus zu warten, sondern der Bus will gerufen werden. Auf diese Art und Weise lassen sich unnötige Leerfahrten vermeiden. Denn der Bus fährt nur noch dann, wenn er auch tatsächlich gebraucht wird. Das schont die Umwelt, setzt aber ein aktives Mitdenken voraus. Möglichkeiten, um den Bus zu rufen, gibt es viele: per Handy-App, per Heimcomputer oder per Telefon und mithilfe von 14 kooperierenden Institutionen, Restaurants und Cafés, die den flexiblen Kleinbus bei Bedarf für ihre Gäste und Kunden bestellen.

Die Testphase läuft

Seit dem 10. März wird das flexible System in Schorndorf von Freitagnachmittag bis Sonntagnacht getestet. Hierbei können alle Fahrten zum Kurzstreckentarif von 1,40 Euro getätigt werden, Samstagnacht fahren die Busse sogar durchgängig – ein Angebot, das insbesondere für Nachtschwärmer attraktiv ist.

Das Projekt „Reallabor“ wird vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit 1,2 Millionen Euro und einer Laufzeit von drei Jahren (2016-2019) gefördert. In den Reallaboren stoßen Wissenschaftler zusammen mit Kommunen, Unternehmen und Bürgern Veränderungen in ihrer Stadt an und untersuchen diese.

Das Projektteam bessert nach

Nach den ersten beiden Wochenenden, an denen die flexiblen Kleinbusse im Einsatz sind, zeigt sich, dass bereits einiges am neuen System gut läuft, manches jedoch auch nachjustiert werden muss. So läuft die Buchungs-App noch nicht stabil genug und auch das Hintergrundsystem, das Fahrten bündeln soll, ist noch weiter ausbaufähig. Hieran arbeitet das Projektteam nun, um die Anzahl zufriedener Fahrgäste zu erhöhen. Ob und in welcher Art und Weise das flexible Bussystem in Schorndorf dauerhaft beibehalten werden kann, hängt von den Erfahrungen ab, die die Stadt mit diesem Testbetrieb sammelt.

 

Dieser Beitrag wurde zuerst im „Baden-Württemberg Extra” der DEMO veröffentlicht und erscheint mit freundlicher Genehmigung der SGK Baden-Württemberg.

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