Wohnungsbaukrise: Diese Rezepte sollen helfen
In Deutschland fehlen rund 1,4 Millionen Wohnungen, doch der Neubau bricht weiter ein. Expert*innen aus Verbänden fordern mehr Förderung, weniger Auflagen und einfachere Standards. Neue Konzepte wie der Gebäudetyp E und staatlicher Wohnungsbau sollen Abhilfe schaffen – doch es gibt auch Kritik.
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Politische Großbaustelle Wohnungsbau: In Deutschland sinken die Neubauzahlen. Die Branche fordert einschneidende Maßnahmen, um die Bautätigkeit anzukurbeln.
Bauen, bauen, bauen: Wie ein Mantra wiederholen Politiker*innen und Expert*innen die Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum in Deutschland. Laut dem aktuellen „Sozialen Wohn-Monitor“ des Pestel-Instituts fehlen rund 1,4 Millionen Wohnungen – doch statt mehr wird immer weniger gebaut. Expert*innen erwarten in diesem Jahr einen Absturz auf unter 200.000 neu gebaute Wohnungen, teilte der Deutsche Mieterbund mit. Das wäre ein absoluter Tiefstand und weit unter dem notwendigen Ziel von 400.000 Wohnungen pro Jahr.
Drastischer Rückgang beim Neubau alarmiert Branche
Über die abstürzenden Neubauzahlen und die wachsende Wohnungsnot diskutierten führende Branchenverbände und Organisationen auf dem Wohnungsbautag in der vergangenen Woche. „Jährlich müssten mindestens 100.000 dauerhaft gebundene Sozialwohnungen gebaut werden“, forderte Melanie Weber-Moritz, Präsidentin des Deutschen Mieterbunds. Dafür brauche es eine schnelle und verlässliche Förderung. Auch Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel, verlangte, der Staat müsse das bezahlbare Bauen stärker fördern.
Dem Förderziel „Mehr Wohnungsbau“ müsse die Baupolitik andere Ziele unterordnen, forderte Hannes Zapf von der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau. Energieeffizienz, Klimaschutz oder Preisbindungen seien oft mit Auflagen verbunden, deren Mehrkosten erstattet werden müssten.
Forderung nach weniger Auflagen und einfacheren Standards
Neben mehr und gezielterer Förderung wird auch ein rechtlich abgesicherter Basis-Standard-Wohnungsbau gefordert. Im Zentrum steht die Frage, wie günstiger gebaut werden kann. Der Chef des Kieler Bauforschungsinstituts ARGE, Dietmar Walberg, betonte: „Die Baukosten schießen immer weiter durch die Decke. Dabei lassen sich Wohnungen auch wesentlich günstiger bauen.“ Die Lösung sieht er im neuen „Gebäudetyp E“, der einfacheres und erleichtertes Bauen ermöglichen soll.
Das ARGE aus Kiel hat gemeinsam mit dem Berliner Forschungsinstitut RegioKontext anlässlich des Gipfeltreffens der Baubranche eine neue Studie veröffentlicht. „Wichtig ist, dass es Erleichterungen und keine neuen Anforderungen gibt, wenn es um Abweichungsvereinbarungen geht“, sagte Studienautor Michael Halstenberg. Bauen dürfe nicht komplizierter werden, sondern müsse einfacher werden. Andernfalls drohten rechtliche Risiken für Projektentwickler und Bauunternehmen.
Gebäudetyp E und „Bauturbo“ sollen Neubau ankurbeln
Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr den „Bauturbo“ beschlossen, um den Neubau anzukurbeln. „Die Städte und Gemeinden sind gerade dabei, ihn zuwenden“, erläuterte Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) in einem Gespräch mit den „Tagesthemen“. Allein in Hamburg seien in der vergangenen Woche 700 Bauvorhaben genehmigt worden. Außerdem arbeite das Bundesbauministerium am Gesetz zum Gebäude-Typ-E-Standard, sagte Hubertz. Die Ministerin stellte ein Gesetz noch in diesem Jahr in Aussicht. Noch laufe der Beteiligungsprozess.
Parallel dazu bringt Bundesfinanzminister Lars Klingbeil einen weiteren Vorschlag ins Spiel: Der Bund solle künftig selbst in großem Stil Wohnungen bauen. Konkrete Details zur Ausgestaltung einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft liegen bislang jedoch nicht vor.
Staatlicher Wohnungsbau sorgt für politische Debatte
Auch Bundesbauministerin Verena Hubertz spricht sich für eine Kombination aus staatlichem und privatem Wohnungsbau aus. Der Staat könne strategisch dort bauen, wo der Bedarf am größten sei. Unterstützung kommt vom Deutschen Mieterbund: „Eine solche Gesellschaft könnte je nach Ausgestaltung dabei helfen, den Wohnungsmarkt zu entlasten“, sagte DMB-Bundesdirektor Florian Becker auf Anfrage. Entscheidend sei jedoch, dass Wohnungen dauerhaft bezahlbar bleiben und weitere Maßnahmen zur Begrenzung der Angebotsmieten beschlossen würden.
Zugleich fordert der Mieterbund weitere Maßnahmen wie eine verschärfte Mietpreisbremse und konsequentes Vorgehen gegen Mietwucher. Kritik kommt hingegen aus der CDU: Eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft sei teuer, aufwendig und würde mit denselben strukturellen Problemen kämpfen wie private Bauherren oder bestehende öffentliche Gesellschaften, so der Sprecher der Unionsfraktion für Wohnen und Bauen, Jan-Marco Luczak (CDU) gegenüber der „Rheinischen Post“.
Ralf Bauer
ist Redakteurin beim vorwärts-Verlag und schreibt für die DEMO – Das sozialdemokratische Magazin für Kommunalpolitik.