Buchrezension: Das Ende der Natur. Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür

Warum die biologische Vielfalt der Natur verschwindet

Karin Billanitsch27. Oktober 2017
Eine Honigbiene, apis melifera: Der dramatische Schwund besorgt Naturschützer.
Die industrielle Landwirtschaft ist die Totengräberin der biologischen Vielfalt, klagt die Journalistin und Autorin Susanne Dohrn. Trotz engagierter Naturschützer und Naturschutzrecht geschieht fortgesetzter Raubbau an der Natur. Mit der Folge, dass eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren ausgestorben oder bedroht ist. In einem lesenswerten Buch beschreibt Susanne Dohrn Ursachen und Wirkungen und plädiert für eine andere Landwirtschaft.

Irgendwo in der Stadt Tornesch wächst eine kleine wilde Blumenwiese. Gräser, Blumen und Kräuter, die typisch sind von Emden bis Lüneburg und Hannover bis Flensburg. Ausgesät hat die spezielle Saatgutmischung die Journalistin, Autorin und Kommunalpolitikerin Susanne Dohrn in ihrem eigenen Garten. Es sei verzwickt gewesen, nur eine Menge für den Hausgebrauch zu bestellen, erzählt die Autorin. Üblicherweise würden landwirtschaftliche Betriebe und Kommunen beliefert, die Blühsteifen anlegen möchten. Schließlich klappte es doch: Nun wachsen Wiesenrispe, Wiesenfuchsschwanz, Rotschwingel und Feld-Hainsimse neben Vogelwicke, Echte Mädesüß, Wilde Möhre und Männertreu: insgesamt 35 verschiedene Arten auf 50 qm. Für Susanne Dohrn eine Möglichkeit, biologische Vielfalt im Kleinen zu fördern.

Jahrhundertealte Kulturlandschaft verschwindet

Während die Wiese anwuchs, recherchierte und schrieb sie „Das Ende der Natur“. Bei einem der vielen Gespräche, die sie geführt hat, hat sich ihr ein Satz besonders eingeprägt: „Die Landschaften meiner Kindheit waren voller Leben.“ Ausgesprochen hat ihn der Landschaftsökologe Michael Succow, der sich seit vielen Jahren für die Bewahrung des Naturerbes einsetzt. Der Biologe und Träger des alternativen Nobelpreises Succow ist zur Präsentation und Lesung des Buches nach Berlin in die Urania gekommen. Succow, aufgewachsen in Märkisch-Oderland in Brandenburg, erinnert an wunderschöne Moor-Blumenwiesen in seiner Kindheit, voller Orchideen, Trollblumen, mit Fieberklee und Sumpfdotterblumen, wo es Frösche und Kröten gibt, Kiebitze und Brachvögel. Allmählich sind Landschaften wie diese verschwunden und haben großräumigen Flächen für industrielle Landwirtschaft weichen müssen.

Auf einer Reise nach Estland, wo es noch artenreiche Wiesen gibt, traf die Autorin die Erkenntnis mit einem Schlag: „So etwas gab es bei uns bis vor wenigen Jahrzehnten auch. Warum ist das weg?“ So entstand die Idee zu dem Buch. Susanne Dohrn beobachtet einen „organisierten Feldzug gegen Klatschmohn, Kornblume und Co.“ Die Bedeutung von Äckern für die Vielfalt sei selbst vielen Naturschützern nicht bewusst, merkt sie an und hegt den Verdacht, dass „Ackerwildkräuter auch deshalb keine Lobby haben, weil man mit Ihnen kein Geld verdienen kann.“ Doch es gibt engagierte Landwirte und Naturschützer, die für schonende Landwirtschaft werben – durch das Buch lernt der Leser die Menschen kennen, die die spezielle Flora der Äcker schützen wollen – und erfährt quasi nebenbei einiges über die jahrhundertealte Kulturlandschaft, die es bis vor wenigen Jahrzehnten in Deutschland gegeben hat.

Das Sterben der Insekten

Ein anderes Thema, dass das Buch aufgreift, hat in diesen Tagen große Schlagzeilen gemacht: Das Insektensterben. Zahlreiche ehrenamtliche Entomologen haben seit 1989 wissenschaftliche Daten gesammelt – mit dem erschreckenden Ergebnis, dass es die Gesamtmenge an Insekten um mehr als 75 Prozent gesunken ist. Jenseits der Zahlen macht das Buch das wissenschaftliche Thema anschaulich, indem die Methoden der Forscher, etwa das Sammeln von Insekten in speziellen Fallen, plastisch beschrieben werden: „Der Weg hinauf führt durch einen Wald. Wir betreten eine blühende und summende Lichtung, auf der, mit der Spitze nach Süden, eine Art Zelt mit weißem Dach steht: die Malaise Falle, benannt nach dem schwedischen Entomologen René Malaise, der sie erfunden hat.“ 

Nicht nur Insekten schwinden: Amphibien sind ebenso gefährdet wie Vögel, der massive Einsatz von Unkrautvernichtern wie Glyphosat, Insektengiften und Fungiziden bleibt nicht ohne Auswirkungen, vermuten Forscher. Viele Wirkungen, etwa auf Bodenorganismen, sind nicht ausreichend erforscht. Auch die Auswirkungen der intensivierten Landwirtschaft auf die Gesundheit des Menschen wird thematisiert: Millionen Liter Jauche und Gülle werden ausgebracht und, so schreibt Dohrn, verwandeln Wiesen, Weiden und Äcker in eine gigantische Kloake. Das belastet das saubere Trinkwasser – es droht zudem immer teurer zu werden für die kommunalen Unternehmen, die für die Versorgung verantwortlich sind.

Hendricks: „Industrialisierte Landwirtschaft ist verantwortlich“

Autorin Susanne Dohrn (re) im Gespräch mit Barbara Hendricks auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Foto: Michael Gottschalk/photothek.net

Umweltministerin Barbara Hendrick hatte sich auf der Buchmesse mit „Das Ende der Natur“ auseinandergesetzt. Wen sie für das „stille Sterben“ verantwortlich macht, das stellte Barbara Hendricks auf einer Podiumsdiskussion klar: „Das liegt natürlich an der industrialisierten Landwirtschaft“, sagte sie laut vorwärts.de. Die Agrarpolitik in Deutschland habe über Jahrzehnte den Umweltschutz fast völlig außer Acht gelassen, sagte sie laut dem Bericht. Der Grund: Bis auf eine Ausnahme sei das Landwirtschaftsressort seit jeher fest in der Hand von Union oder FDP. Und die hätten im Bund „immer nahtlos umgesetzt, was der Deutsche Bauernverband gefordert hat“. Die Ministerin forderte – wie andere Experten auch–  die Vergabe von EU-Agrarsubventionen neu zu regeln und stärker von Nachhaltigkeit abhängig zu machen. Das letzte Kapitel des Buches widmet sich kursorisch den Weichen, die anders gestellt werden müssten, um eine naturgerechte Landwirtschaft zu erreichen. 

Die idealen Lösungen für die Probleme der Natur indes hat auch die Journalistin Susanne Dohrn nicht parat. Mit Blick auf Kommunalpolitik – sie sitzt selbst im Umweltausschuss der Stadt Tornesch – schlägt sie indes vor, wo immer möglich, auf öffentlichen Flächen – Blühflächen anzulegen. Auch Barbara Hendricks hat das Stadtgrün im Visier: Ein neues Projekt „Treffpunkt Vielfalt“ fördert biologische Vielfalt in Wohnquartieren.

Im Fokus sind Berlin, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Auch in anderen Bundesländern werden Kommunen ermuntert, artenreiche Blumenwiesen oder blühende Wildstaudensäume anzulegen, etwa in Baden-Würtemberg, wo der NABU aktuell für das Projekt: „Natur nah dran“ wirbt. Und dass jeder – wie auch die Autorin – im Kleinen kämpfen kann, das zeigt zum Beispiel die hohe Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln – und eine wilde Wiese irgendwo in Tornesch.

Susanne Dohrn
Das Ende der Natur
Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür
Erschienen: August 2017
Ausstattung: Broschur
Format: 12,5 x 20,5 cm
Seitenzahl: 272
ISBN: 978-3-86153-960-5

 

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Sehr geehrte Frau Dohrn,
wir bedanken uns für Ihren Artikel. Sie haben völlig recht mit Ihrem Artikel. Wir sind Hobbyimker und haben leider feststellen müssen, das wir keine Bienen, keine Hummeln, keine Hornissen, keine Wespen und kaum noch Fliegen sowie Mücken mehr haben. Leider sieht es keiner ein, das die Umwelt zerstört ist, denn hinter unserem Haus breiten sich große Maisfelder aus auf denen mit Spritzmitteln gearbeitet wird. Gespräche mit den Landwirten hat mir nur großen Ärger eingebracht, jedoch einsichtig war keiner.
Sehr, sehr schade.
Mit herzlichen Grüßen
Resi u. Georg Bertling

Das Ende der Natur

In unserem Garten mit alten Apfelbäumen, Klee und Braunelle auf den Rasenflächen und vielen Blühpflanzen ernten wir mehr Honig als Freunde einige Kilometer weiter in der Marsch. Da blüht nichts mehr - abgesehen vom Raps. Und mit dem ist es nach drei Wochen vorbei. Für die Bienen heißt es dann: hungern.