Einzelhandel beleben

Blinde Schaufenster adé

Maicke MackerodtSusanne Dohrn 05. März 2018
Wittlich bekämpft das Ladensterben im Zentrum mit dem Projekt „Alwin“.
Das beschauliche Wittlich in Rheinland-Pfalz bekämpft das Ladensterben im Zentrum, die Stadt Kiel will das Herz der Innenstadt attraktiver machen. Zwei Berichte

Stirbt der Einzelhandel, veröden die ­Innenstädte. In Wittlich in Rheinland-Pfalz stemmt man sich mit vereinten Kräften erfolgreich gegen diesen Trend. Das Zauberwort heißt Alwin. Dahinter steckt eine Gemeinschaftsinitiative für Gründer, Vermieter und Expansionswillige, die die Leerstände in der Altstadt bereits sichtbar reduziert hat.

Die Abkürzung Alwin steht für „Aktives Leerstandsmanagement Wittlicher ­Innenstadt“. Das Projekt mit dem eingängigen Namen initiierte vor gut zwei Jahren Katrin Schade von der Stadtverwaltung Wittlich. Alwin bringt Menschen, die gern ein Geschäft eröffnen würden, mit Eigentümern zusammen, deren Ladenlokale leer stehen. Einer der wesentlichen Vorteile in Wittlich: Die Vermieter sind noch keine sogenannten Heuschrecken sondern oft Einheimische, denen die Wiederbelebung der Innenstadt am Herzen liegt. Einigt sich der Vermieter mit einem Gründer wie dem Pizza-Lieferservice, übernehmen die Mieter ganz oder teilweise die Renovierung, zahlen dafür im ersten halben Jahr keine Miete, sondern lediglich die Nebenkosten. Auch im zweiten Halbjahr wird nur eine sehr geringe Miete gezahlt. Nur so kann sich der mittlerweile gut angenommene Pizza-Dienst das Ladenlokal in bester Lage mitten in der Altstadt überhaupt leisten.

Leere Läden, verwaister Marktplatz

Als Katrin Schade vom Fachbereich Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing im Oktober 2016 das Projekt startete, waren die Fensterfronten von etwa 30 der 223 Läden in der gesamten Innenstadt verrammelt. Der idyllische Marktplatz der ehemaligen französischen Garnisonsstadt zwischen Trier und Koblenz war verwaist. 15 bis 20 Leerstände sind aktuell in das Projekt Alwin eingebunden. Die Ladengrößen reichen von mehr als 500 Quadratmetern bis zu Läden mit 30 Quadratmetern. Der Stadtmarketing-Expertin gelang es, Verwaltung, Immobilienbesitzer, Einzelhändler, Menschen mit einer Geschäftsidee, Banken vor Ort und örtliche Institutionen erfolgreich zu vernetzen. Jetzt gibt es einen kleinen Wochenmarkt mit regionalen Produkten. In die schöne alte Posthalterei zog eine moderne Brasserie, die von Einheimischen und Fahrradtouristen gut besucht wird. Fünf öffentliche Plätze werden nach und nach umgestaltet, es gibt Hunderte kostengünstige Parkplätze, das lockt viele der 20.000 Einwohner von Wittlich, aber auch Besucher an. Alwin-Bilanz der Stadt nach einem Jahr: Die Leerstandsquote von 12,8 Prozent ist auf acht Prozent gesunken.

Whiskyburg und Zigarren-Lounge

Vor knapp einem halben Jahr übernahm Verena Kartz das Leerstandsprojekt. Bei einem Bummel durch die Wittlicher Innenstadt kennt die gebürtige Eifelerin zu fast jedem Ladenlokal eine Geschichte. Sie weiß, welcher Eigentümer noch zögert, ob er lieber verkauft oder investiert und bei Alwin mitmacht. Zwei befreundete Sammler von Whisky-Sorten aus aller Welt gründeten voriges Jahr die Whiskyburg, bieten Tastings und Raritäten für Liebhaber an. Fridel Drautzburg, bekannt durch die Kultkneipen „Ständige Vertretung“ in Bonn und Berlin, hat auch in seine Heimatstadt investiert. Die Schaufenster von „Fridel D.“, ganz beklebt mit Schwarz-Weiß-Fotos, sind ein Hingucker, drinnen gibt es Hüte und Taschen aus Kaffees­äcken. „Beide Geschäfte brauchten keine Förderung. Sie haben den Synergie-Effekt von Alwin genutzt“, so Verena Kartz

Verena Kartz ist verantwortlich für das Projekt Alwin.

Als nächstes schlendert die Alwin-Expertin vorbei am „Offenen Kanal“, ­einem lokalen TV-Sender, wo donnerstags Gründer ganz unbürokratisch beraten werden. Dann geht es weiter zum Zigarrengeschäft. Zwei Jahre standen die 86 Quadratmeter leer, bis vor gut einem Jahr dort zunächst der erste sogenannte „Pop-up-Shop“ eröffnete. Auch das ist Teil von Alwin: „Zum Festpreis für 75 Euro die Woche in einem leeren Geschäft testen, wie ein Produkt ankommt“, erklärt Kartz. Das Traditionskaufhaus Bungert vom Wittlicher Stadtrand experimentierte dort sechs Wochen erfolgreich mit einem Männerladen.

Städtische Fördermittel

Der Testlauf für das Zigarrengeschäft gelang ebenfalls: Danach wurde sich Christian Baeger mit dem einheimischen Vermieter Helmut Erz einig. Der Alwin-Lotse nutzte die städtischen Fördermittel und renovierte sein Haus komplett. Oben entstanden moderne Wohnungen, das Ladenlokal bekam neue Böden und Fenster. Vor einem halben Jahr eröffnete der 25-jährige Baeger als jüngstes Alwin-Mitglied eine Zigarren-Lounge, von der er immer geträumt hat. In gemütlichen Sesseln beim Kaffee ­Zigarren aus aller Welt „probieren“. „Es kommen viele Holländer und Soldaten von der Airforce, denn ich schließe eine Marktlücke, weil es selbst in Trier kein vergleichbares Geschäft gibt.“

E-Commerce trifft besonders den Buch- und Elektrohandel. Claudia Jacoby übernahm 2009 trotzdem die Altstadt-Buchhandlung, in der sie gelernt hat. „Entgegen dem Trend hat sie seitdem „gleichbleibende Umsätze“, wie die engagierte Einzelhändlerin glaubhaft versichert. „Die Negativschleife wurde dank Alwin aufgehalten“, beobachtet die Buchhändlerin, die Alwin-Leerstandslotsin ist und Gründer unterstützt. „Wir wollen inhabergeführte Läden, die dem Ganzen ein persönliches Gesicht geben.“ Claudia Jacoby organisiert Büchertische, erlebt sich als Eventmanagerin, die bei Kunden für „Wohlfühlmomente“ sorgt.
Mittlerweile ziehen Menschen wegen der günstigen Mieten zurück in die Innenstadt. „Mitten in der Altstadt sind Wohnungen mit Tiefgaragen entstanden“, weiß Verena Kartz. Vor ein paar Jahren wohnten 600 Menschen hier, heute sind es fast 1.000. „Es findet ein Umdenken statt, reine Fußgängerzonen sind überholt. Wir haben die Altstadt für den Verkehr geöffnet.“

Kiel macht sich hübsch

Wasser fasziniert. Wasser lockt zum Verweilen. In einer Stadt schafft es Weite und mit seinen spiegelnden Oberflächen spannende Perspektivwechsel. Kein Wunder also, wenn die Hafenstadt Kiel das Wasser zurück in die Stadt holen will, aus der es in den vergangenen 150 Jahren sukzessive verbannt wurde. Kleiner-Kiel-Kanal heißt das 12-Millionen-Projekt. Es soll der Innenstadt ein völlig neues Gesicht geben. „Zukunft bauen“ nennt das die Stadt. Das Vorhaben stellt auch ein Stück historische Stadtstruktur wieder her.

Sie will frischen Wind in die Kieler Innenstadt bringen: Innenstadtmanagerin Janine-Christine Streu.

Noch beherrschen Bagger, Kräne und Baugruben das Bild, aber Ende 2019 soll der neue „Herzmuskel“ der Stadt fertiggestellt sein. So nennt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) den Kleinen-Kiel-Kanal. Das 2.000 Quadratmeter große Gewässer schafft eine optische Verbindung, die quasi im Halbkreis von der Kieler Förde über den Bootshafen bis zum Kleinen Kiel führt, einem wiede­rum an der Förde gelegenen städtischen Binnengewässer. Auf der ehemals viel befahrenen Straße Holstenbrücke, auf deren Fläche der Kanal verläuft, sollen dann Fußgänger flanieren und unter Bäumen sitzend aufs Wasser schauen können. Der Kleine-Kiel-Kanal soll Kiel wieder zu einer einladenden Landeshauptstadt machen, so der Oberbürgermeister.

Kaufverhalten ändert sich

Das ist auch dringend nötig. Die Innenstadt, im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, wurde danach autogerecht wiederaufgebaut. Kiel erhielt 1953 sogar eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands. Was damals fortschrittlich war – breite Straßen, viele Parkplätze und große Kaufhäuser – ist nicht mehr zeitgemäß. Das Kaufverhalten hat sich verändert. Shoppingcenter locken Kunden auf die grüne Wiese und das Internet bringt Waren mit einem Mausklick direkt ins Haus. Ergebnis auch hier: Umsatzrückgänge, Leerstand und verrammelte Schaufenster.

Kreative Lösungen wie Zwischennutzungen

Ihnen hat Kiel den Kampf angesagt und vor einem Jahr die Innenstadtmanagerin Janine-Christine Streu eingestellt. Die 36-Jährige entwickelt zusammen mit potenziellen Interessenten und engagierten Eigentümern kreative Lösungen, wie Zwischennutzungen zu niedrigeren Mieten. So werden in einem Konzept-Store originelle Produkte von 20 unterschiedlichen Händlern aus der Region angeboten – vom Bambusrad bis zu Ostseesalz mit Algen, und für einige Wochen verkaufte eine Korbflechterei aus Kiel ihre Waren in der Fußgängerzone.

Das ist mühsames Überzeugungswerk. Viele Gebäude in der Innenstadt befinden sich in der Hand von überregionalen Investoren, die für 1.000 Quadratmeter Verkaufsfläche den Aufwand der Zwischenvermietung nicht immer betreiben wollen. „Da muss ein Umdenken her, nicht nur, was die Bereitschaft für Zwischennutzungen anbelangt, sondern vor allem im Hinblick auf die regulären Mieten“, sagt Streu. Wo Überzeugen nichts hilft, werden die Schaufenster mit himmelblauen Plakaten verhängt, auf denen ein Schwarm Fische zu sehen ist, und der Slogan „Wir schwärmen für die Kieler ­Innenstadt“ zu lesen ist.

„Wirkt wie eine Initialzündung“

Zwei Drittel der Kosten für den Kleinen-Kiel-Kanal übernehmen Bund und Land, ein Drittel – vier Millionen – die Stadt. Weil die Straße Holstenbrücke ohnehin hätte saniert werden müssen, bleiben für die Stadt zwei Millionen Mehrkosten. „Gut investiertes Geld“, ist der Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) überzeugt. Der Kleine-Kiel-Kanal habe wie eine Initialzündung gewirkt und private Investitionen in Millionenhöhe nach sich gezogen. Denn wo Einkaufen zum Erlebnis wird, kommen die Kunden zurück. Und so werden Gebäude modernisiert, in der Innenstadt entstehen fünf neue Hotels, eine Modekette baut ein neues Geschäftshaus, das sich vor allem an eine junge Käuferschaft richtet. In der und um die Innenstadt ­herum entstehen etwa 2.000 neue Wohnungen sowohl gefördert als auch frei finanziert – für Studierende, Familien, ältere Menschen und all die neuen Arbeitskräfte, die in die Stadt strömen.

„Vor 15 Jahren ging man davon aus, dass im Jahr 2030 in Kiel 170.000 Menschen leben würden. Die jetzige Prognose lautet bis zu 270.000“, sagt der Oberbürgermeister. 20.000 neue Jobs sind in Kiel in den vergangenen zehn Jahren entstanden, 5.000 davon in der IT-Branche. Sie machen Kiel für junge Leute interessant und zu einer von 18 deutschen „Schwarmstädten“. In die zieht es junge Leute zwischen 20 und 35, von denen viele bleiben und eine Familie gründen werden, wenn es ihnen in Kiel auf die Dauer gefällt. Die „einzigartige Lebensader inmitten der Innenstadt“ wird dazu beitragen, davon ist Oberbürgermeister Kämpfer überzeugt.

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Kommentare

Stirbt der Einzelhandel, veröden die ­Innenstädte.

Hallo, aufwachen! Ein Weckruf muss her, um eine Wende in der Stadtpolitik zu erreichen. Jahrelang hat die Politik auf die grüne Wiese gesetzt. Alle Parteien haben mitgemacht (auch die SPD war dabei) und jetzt dämmert es nach und nach und die Akteure erkennen den Schaden. Leere und zerfallende Zentren, keine Investitionen, wenig Kunden, schwierige Sozialstruktur. Doch der Wind dreht sich. Dem Auto geht es an den Kragen, sehr langsam doch stetig, wie die Diskussion über Fahrverbote zeigt. Auch die großen Märkte sind nicht mehr der Renner und langsam erkennt der Verbraucher, dass der Billigwahn Agrarkonzerne und Schlachtfabriken erfordert, um niedrige Preise zu erreichen. Vergiftetes Grundwasser und abgeholzte Regenwälder sind die Folge. Oder die fatalen Auswirkungen auf die Stadtzentren. Die größeren Städte haben das längst begriffen und polieren ihre Zentren auf, siehe Kiel oder Frankfurt. Auch Klein- und Mittelstädte folgen, siehe Wittlich und andere. Wer die Nase vorn hat, der gewinnt, denn auch die Einwohnerzahl wächst (tlw. drastisch). Wer die Entwicklung verschläft hat das Nachsehen. Übrigens passt das alles gut zu #SPDerneuern, denn neues Denken ist gefragt.