Demokratie lernen

Wie der „Demokratiebahnhof Anklam“ sich behauptet

Karin Billanitsch20. Juli 2017
Politische Versammlung gegen den Rechtsruck vor dem alten Bahnhofsgebäude in Anklam. Hier ist der Ort des Jugendprojekts „Demokratiebahnhof Anklam.“
Anklam in Mecklenburg-Vorpommern: Der Demokratiebahnhof Anklam gilt als Beispiel für kreative und erfolgreiche Jugendarbeit. Baustaatssekretär Gunther Adler war zu Besuch und zeigte sich beeindruckt von den Ideen der jungen Macher.

Die Kleinstadt Anklam liegt ganz im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns. In der  Hansestadt leben knapp 13.000 Einwohner – im Jahr 1990  waren es noch 19.000 Menschen. Viele wanderten seit der Wende ab, nicht zuletzt weil sie keine berufliche und ökonomische  Perspektive sahen. Darunter waren und sind auch viele junge Leute. In der Stadtvertretung sitzen seit Jahren zwei Vertreter der NPD, die Stadt hat eine etablierte rechte Szene. So stellte sich die Situation dar, als die Idee des „Demokratiebahnhofs Anklam“ entstand. Vor wenigen Tagen hat Baustaatssekretär Gunther Adler die Initiatoren des Jugendprojektes besucht. Sie haben binnen weniger Jahre einen lokalen Treffpunkt für Jugendliche, einen Ort des Austausches und der Kreativität geschaffen. Der Besuch aus Berlin zeigte sich „beeindruckt, was die jungen Menschen in Anklam auf die Beine gestellt haben und gegen alle Widerstände erfolgreich behaupten.“

Anschlag auf Anklamer Jugendprojekt

Erst vor wenigen Wochen war das alte Backsteingebäude des früheren DB-Bahnhofs im Visier eines Anschlags gewesen: Angreifer hatten Molotowcocktails in die Eingangshalle geworfen. Jugendliche, die in dem Gebäude übernachteten, konnten den Brand löschen. Verletzt wurde niemand. Die Organisatoren des Demokratiebahnhofs sehen in dem Anschlag „traurigen Höhepunkt organisierter rechter Gewalt gegen demokratisches Engagement“ in der Stadt. „Mich erschüttert die Tatsache, dass bei dem Anschlag billigend in Kauf genommen wurde Menschen zu verletzen“, schrieb Klara Fries, eine der Organisatorinnen in der Pressemitteilung des Demokratiebahnhofs nach dem Anschlag. Der aktiven rechtsextremen Szene etwas entgegenzusetzen, das war von Beginn an eines der Ziele des Projekts. Gegen die mutmaßlichen, minderjährigen Täter ermittelt die Polizei. Da auch ein politisch motivierter Hintergrund möglich sei, werde der polizeiliche Staatsschutz in die Ermittlungen einbezogen, berichtete NDR 1 unter Berufung auf einen Polizeisprecher.

Interkultureller Garten und Fahrradwerkstatt

Die jungen Menschen haben – unterstützt durch das Bundesbauministerium – ein Jugend- und Kulturzentrum aufgebaut. Hier entsteht auf dem brach liegenden Grundstück hinter dem Bahnhof ein interkultureller Garten, es gibt das offene „Jugendzentrum Abstellgleis", eine Fahrradwerkstatt „Pimp up your bike“ und einen Basteltreff. Mittlerweise, resümiert  Adler, sei der Demokratiebahnhof „eine unverzichtbare Anlaufstelle für die Jugendlichen der Region geworden. Hier können sie sich austauschen, Ideen entwickeln und mitgestalten.“

Mit dem Projekt versuchen die Initiatoren andere Jugendliche vor Ort zur aktiven Teilhabe und zum Bleiben zu bewegen und somit Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit, Überalterung, dem Wegzug junger Menschen und einer aktiven rechtsextremen Szene in Anklam etwas entgegenzusetzen. Die ehrenamtlich Aktiven setzen sich zudem für Geflüchtete ein und haben ein Bürgerbündnis gegen Rechts gegründet.

Das Plenum des Demokratiebahnhofs Anklam trifft sich. Foto: Claudia Gaschler

Modellprojekt des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Anklam ist eines von acht Modellvorhaben des Projekts Jugend.Stadt.Labor im experimentellen Wohnungs- und Städtebau, das das BMUB von 2013 bis 2016 finanziell unterstützt hat, wissenschaftlich begleitet vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Die Forscher interessierten sich dafür, welche Ideen und Potenziale entstehen, wenn Jugendliche in eigener Verantwortung Räume gestalten und Ideen entwickeln. Im August 2016 publizierte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt,- und Raumforschung ein Fazit. Gemeinsamer Nenner und treibende Kraft der verschiedenen Modellprojekte sei, das Bleiben attraktiver zu machen und engagierte junge Menschen durch die Initiative in selbstorganisierten Projekten an ihre Städte zu binden, heißt es dort.

Wie bedeutsam das Projekt für die Stadt ist, spiegelt sich auch in der Stellungnahme der Stadtvertreter, in der sie den Anschlag auf das Schärfste verurteilten. „Unsere Heimatstadt soll auch in Zukunft ein Ort sein, in dem Menschen unterschiedlichster demokratischer Auffassungen, Hautfarben oder Religionen, friedlich miteinander leben können und dafür setzen wir uns ein“, heißt es dort.

„Die Stadt Anklam nicht abschreiben“

Teilweise gibt es auch „sehr guten Kontakt“ zu einzelnen Ansprechpartnern der Stadtverwaltung, wie Claudia Gaschler vom Team des Demokratiebahnhofs Anklam mitteilt. Gemeinsam mit dem zuständigen Jugendreferat, „sind wir gerade dabei, einen „Jugendring Anklam“ zu gründen.“  „Auch unser Bürgermeister Herr Galander ist ein Fürsprecher des Demokratiebahnhofs und setzt sich immer aktiver fürdie Unterstützung des Projekts ein.“ Sie findet aber auch: „Dadurch, dass unser Projekt von Ehrenamtlichen organisiert wird, ist der Kontakt zur Stadtverwaltung ausbaufähig ­– wir haben oft zu wenig Zeit für eine Netzwerkarbeit, die unseren Ansprüchen genügt.“

Die Autoren der Publikation „Jugend.Stadt.Labor – Wie junge Menschen Stadt gestalten“ stellen fest, dass die kreative Belebung des Anklamer Bahnhofs in die Stadt hinein wirke. Die Wirkung in die Stadt und sogar in die Region hinein betont auch Claudia Gaschler: „Das Projekt zeigt, was Jugendliche und junge Menschen auch unter schwierigen Bedingungen auf die Beine stellen können und Erwachsene lernen dabei, jugendliche Interessen ernst zu nehmen. Wir setzen uns aktiv für ein demokratisches Miteinander und gegen Fremdenfeindlichkeit ein und motivieren damit auch andere Menschen, dazu Stellung zu beziehen. Uns ist es wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger aus Anklam ihre Stadt nicht abschreiben, so wie es oft in den Medien mit dem Schlagwort „Nazihochburg“ getan wird. Es gibt hier viele tolle Menschen – und wir schaffen gemeinsam mit den anderen Projektender Stadt die Gelegenheiten, sich aktiv einzubringen.“

„Junge Menschen brauchen Zukunftsperspektiven“

Eines ist gewiss: Die jungen Leute lassen sich durch Angriffe auf ihr Haus nicht aus dem Konzept bringen – sie kuschen nicht vor der Gewalt, im Gegenteil: Sie bekräftigen nach dem Anschlag öffentlich ihre Überzeugungen: „Das Projekt trägt zur Entwicklung einer lebendigen Zivilgesellschaft bei und ermutigt Menschen ihre Fähigkeiten im Interesse des Gemeinwohls einzubringen.“ Viele junge Menschen fühlen sich in Anklam wohl und wollen nicht gehen. Doch welche Angebote müsste es in Anklam geben, damit mehr junge Menschen, die bleiben wollen, auch können?, hat die DEMO gefragt. Die Antwort von Claudia Gaschler spiegelt einerseits die Realitäten, andererseits aber auch Hoffnung wider: „Wir setzen uns dafür ein, dass junge und alte Menschen sich beteiligen können, um ihre Stadt mitzugestalten. Denn wer beteiligt wird, entwickelt weitere Ideen und möchte bleiben, um diese umzusetzen.“ Sie weiß aber auch: „Junge Menschen brauchen ansonsten Zukunftsperspektiven. Wer einen Ausbildungsplatz bekommt, kann bleiben – wer studieren möchte, muss in eine andere Stadt ziehen.“

Gaschler ist es eher wichtig zu sagen: „Kommt wieder!“ Denn die Region Vorpommern biete so viele Freiräume, die genutzt werden können – wer hier Arbeit findet, dem stünden theoretisch alle Möglichkeiten offen, diese Freiräume zu gestalten. Und dann appelliert sie auch an die Politik: „Da ist natürlich die Politik gefragt, die passenden Strukturen zu schaffen und beispielsweise die Institutionen, die Ehrenamt fördern, zu erhalten und langfristig zu sichern.“ In finanzieller Hinsicht ist etwas in Sicht: Das Bundesfamilienministerium werde – im Rahmen einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit – noch in diesem Jahr die Fördermöglichkeiten der lokalen Partnerschaft für Demokratie in Anklam erweitern, kündigte das BMUB in einer Mitteilung an. Die Stadt kann dazu einen Aufstockungsantrag stellen.

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