Gewalt

DGB fordert zentrales Register für Übergriffe im öffentlichen Dienst

Benedikt Dittrich24. Februar 2020
Gewalt gegen Angestellte des Öffentlichen Dienstes trifft nicht nur Ordnungsamtsmitarbeiter*innen
Reinigungspersonal, Pfleger*innen, Busfahrer*innen: Menschen im Dienste der Bevölkerung werden immer öfter attackiert, beleidigt, bespuckt. Die DGB-Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!“ sensibilisiert für das Problem und fordert Unterstützung.

Simone Witzel ist Krankenpflegerin in Berlin. Wenn Menschen verletzt, im Krankenhaus operiert werden, ist sie eine derjenigen, die sie gesund pflegen, sich kümmern. Ein Beruf, der nach Ansicht vieler Menschen viel zu schlecht bezahlt ist und viel mehr Anerkennung verdient. Doch in der Realität berichtet Witzel von körperlichen Auseinandersetzungen mit Patient*innen, von Drohungen und schlicht unverschämtem Auftreten - und aus Sicht der Berlinerin nehmen die Angriffe in Zahl und Intensität zu.

An eine Situation erinnert sie sich noch genau. „Wir waren gerade aus dem Schockraum gekommen“, erzählt sie am Mittwoch in Berlin, „das war eine belastende Situation und da brauchten wir auch erstmal eine Minute, um zur Ruhe zu kommen.“ In dem Moment baute sich ein Patient vor ihr auf und verkündete: „Jetzt reicht’s aber, wann komm ich dran?“ Eine Situation, die Witzel fassungslos zurücklässt, sie klagt über fehlendes Verständnis für ihre Arbeit und Empathie von Patient*innen.

Solche Situationen sind laut Witzel im Krankenhaus inzwischen alltäglich. Bedrohungen, körperliche Übergriffe kommen nach Aussage der Pflegerin bei ihr oder ihren Kolleg*innen ebenfalls vor. „Wir wissen wo du wohnst“, sei eine der Drohungen, die das Pflegepersonal nach Auseinandersetzung mit Patient*innen zu hören bekäme. In der Konsequenz sind Türen im Krankenhaus inzwischen verschlossen, es gibt in der Berliner Klinik rund um die Uhr einen Wachschutz und Alarmknöpfe für das Personal. „Wir haben die Polizei ständig bei uns“, sagt Witzel, „die Gewalt hat im Grunde jedes Jahr zugenommen“.

Rückendeckung für Betroffene

Die Berlinerin ist eine der Gesichter, mit denen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seine neue Kampagne „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!“ ziert, die vergangene Woche in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. So sollen Gewalt und verbale Attacken gegenüber Menschen sichtbar gemacht werden, die im öffentlichen Dienst für die Bevölkerung im Einsatz sind. Denn die Zahl der Auseinandersetzungen steigen, der Umgangston wird rauer, erklärt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack mit Verweis auf diverse Studien – und längst sind nicht nur Polizist*innen und Mitarbeiter*innen von Ordnungsämtern die Opfer.

Denn die Pöbeleien und die Gewalt treffen auch andere Menschen, die einen Job für die Öffentlichkeit ausüben, Dienstleister*innen für die Gesellschaft sind. Egal ob Krankenpfleger*innen wie Simone Witzel, Busfahrer*innen, Personal bei der Stadtreinigung, Schaffner*innen bei der Deutschen Bahn: Sie alle werden immer wieder beleidigt, bespuckt, sogar geschlagen oder getreten. Der DGB hat in den betroffenen Berufsfeldern Gewerkschaftsmitglieder befragt. Das Ergebnis: zwei Drittel aller Befragten im öffentlichen Sektor wurden in den vergangenen zwei Jahren Opfer einer verbalen oder physischen Attacke, mit steigender Tendenz.

Attacken belasten die Psyche

Eines der Probleme ist laut Hannack, dass solche Fälle oft weder dokumentiert werden, noch gibt es bei den Arbeitgeber*innen einen Plan, betroffenen Mitarbeiter*innen schnell zu helfen. Denn die Befragten berichten auch von Angst, psychischen Problemen und Arbeitsunfähigkeit als Folge solcher Angriffe. Ein anderes Problem seien die jahrelangen Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor, so Hannack weiter. Personalmangel führe nicht nur zu Stress unter den Angestellten, sondern auch zu Unzufriedenheit unter den Kund*innen, was widerrum solche Übergriffe begünstige. Deswegen müsse die öffentliche Hand jetzt den "Investitionsturbo" starten: „Wir brauchen mehr Geld für Personal, für eine moderne und funktionstüchtige Infrastruktur." Die Beschäftigten im öffentlichen Bereichen seien oftmals der Blitzableiter für Versäumnisse der Politik.

Als zentrale Forderung der Initiative appelliert Hannack an die Innenminister der Länder: „Die Übergriffe müssen endlich insgesamt erfasst werden – sowohl für den öffentlichen wie auch den privatisierten Sektor." Nur auf Grundlage einer soliden Datenbasis ließe sich Prävention und Nachsorge effektiv stärken. An alle Vorgesetzen richtete sie die Forderung, künftig aufmerksamer zu sein: „Zu oft wird das Thema ignoriert, das zeigen unsere Umfrageergebnisse, betonte die Gewerkschafterin.

„Wir haben alles angeklagt"

Eine, die solche Übergriffe früher als Juristin konsequent verfolgt hat, ist Britta Zur. Die neue Polizeipräsidentin aus Gelsenkirchen war bis vor kurzem noch Staatsanwältin in Düsseldorf und hat in ihrer Funktion eine eigene Abteilung für Übergriffe im öffentlichen Sektor begründet, die Abteilung 82. „Wir haben alles angeklagt“, sagt sie resolut. Jedes Mal wenn ein*e Polizist*in angespuckt, getreten oder beleidigt wurde. Die Abteilung 82 verfolgt aber auch jede andere Anzeige im öffentlichen Dienst. Pro Jahr bearbeitet die Abteilung nach ihren Angaben bis zu 1500 Fälle, das Personal der Abeilung wurde aufgestockt.

Auch die Polizeipräsidentin appelliert an die Vorgesetzten, die Sorgen der Mitarbeiter*innen ernst zu nehmen, egal in welchem Berufsfeld und jede Meldung eines Angriffs weiterzugeben, zur Anzeige zu bringen. Das ist Wasser auf die Mühlen von Hannack. Denn neben einer verlässlichen Statistik und Investitionen in den öffentlichen Sektor werden in der Kampagne auch konkrete Hilfen für Betroffene geplant – von der Prävention bis hin zur Nachsorge.  Zentrale Anlaufstelle der Kampagne ist die Internetseite des DGB: „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!”

 

Dieser Artikel ist zuerst auf vorwärts.de erschienen.

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