Autofreie Innenstädte

Michael Müller: „Unser Land braucht eine neue Infrastruktur.“

Fabian Schweyher16. Mai 2017
Eine abfahrende S-Bahn spiegelt sich in einer durchsichtigen Glasscheibe in Berlin.
Lebenswerte Innenstädte ganz ohne Straßenverkehr: Für Umweltaktivist und Ex-Staatssekretär Michael Müller ist das keine Utopie. Er fordert: Statt wie bisher die bestehende Infrastruktur notdürftig zu reparieren, müsste sie komplett neu gedacht werden.

In der von der Bundesregierung veröffentlichten Umweltbewusstseinsstudie befürworteten 79 Prozent der Befragten eine Stadtentwicklung, die das Auto überflüssig macht. Ist das überhaupt möglich?

Natürlich. In einer Stadt wie Berlin könnten alle Verkehrsverbindungen ohne das Auto vollzogen werden. Dafür müssten lediglich U- und S-Bahnen ausgebaut werden.

Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern ist sicherlich ein Sonderfall.

Warum sollte das in anderen Städten nicht auch möglich sein? Um es auf den Punkt zu bringen: Unser Land braucht eine neue Infrastruktur. Es geht um die Vermeidung von überflüssigen Fahrten und überflüssigem Energieverbrauch. Damit ist etwas anderes gemeint, als die bestehende Infrastruktur notdürftig zu reparieren. Mehr fällt Bundesverkehrsminister Dobrint ja nicht ein.

Michael Müller ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschland.

Wie sieht eine neue Infrastruktur aus?

Die Grundfrage lautet, welche Stadt der Zukunft wir wollen. Sollen die Innenstädte weiter kommerzialisiert werden oder wollen wir die bislang räumlich voneinander getrennten Bereiche Wohnen, Kultur und Arbeit miteinander vermischen. Ich bin für letzteres. Auf diese Weise bleiben die kleineren Läden erhalten, die Stadtviertel werden gestärkt und die Wege zwischen Arbeit und Wohnen verkürzen sich. Dazu kann auch die Digitalisierung beitragen. Möglich ist viel, es machen sich aber nur wenige darüber Gedanken. Dabei wäre eine ganz neue Lebensqualität in den Städten erreichbar.

Das hört sich nach einem Projekt gewaltigen Ausmaßes an. Wie realistisch ist das?

Jede neue Epoche erscheint zuerst realitätsfern. Doch haben immer nur die Staaten ihre Stärke bewahrt, die als erste eine moderne Infrastruktur aufgebaut haben. In Deutschland ist die Infrastruktur grundlegend erneuerungsbedürftig. Anstatt sie mit hohen Kosten notdürftig zu reparieren, wäre es besser, die Infrastruktur komplett neu zu denken und anzugehen. Ich fände es toll, wenn die SPD in der nächsten Bundesregierung das Infrastrukturministerium für sich beansprucht.

Bereits jetzt engagiert sich die aktuelle Bundesregierung für Elektroautos. Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein. Bislang sind es allerdings erst 25.000. Woran liegt es?

In Deutschland wurden die Entwicklungen in der Hybrid- und in der Batterietechnik verschlafen. Außerdem gibt es die Illusion, dass sich unsere Mobilitätsprobleme in den bisherigen Strukturen, zum Beispiel der autogerechten Stadt, lösen lassen. Das ist falsch. Zudem fordere ich, dass ab dem Jahr 2035 nur noch E-Mobile auf den Markt kommen dürfen.

Nicht alle Menschen lassen sich vermutlich für E-Autos begeistern. Außerdem sind die Fahrzeuge noch recht teuer.

Die Umstellung auf E-Autos ist eine Frage der Infrastruktur und der Massenproduktion. Entscheidend ist, dass wir die Verkehrssysteme insgesamt verbessern und Grundfehler beseitigen. Wir müssen über neue, effizientere und bessere Verkehrssysteme nachdenken. Die Emissionen haben in diesem Bereich immer noch den höchsten Zuwachs. Gleichzeitig nimmt die Zahl abgasintensiver Autos, vor allem durch SUVs, auch „Vorstadtpanzer“ genannt, am stärksten zu.

Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung von vorwaerts.de

Zur Person

Michael Müller ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. Er saß von 1983 bis 2009 für die SPD im Bundestag und war von 2005 bis 2009 Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Der Verband NaturFreunde Deutschland hat 70.000 Mitglieder und setzt sich für den Umweltschutz ein.

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