Konferenz „Stadt und Land“

Nachhaltigkeit in Kommunen: Warum die Ernährung unterschätzt wird

Carl-Friedrich Höck11. November 2021
Ein Drittel der Umweltbelastung in Kommunen wird durch die Produktion und den Konsum von Lebensmitteln verursacht.
Wie Kommunen die Ernährung mitgestalten können, wurde auf der Konferenz „Stadt und Land“ diskutiert. Für den ökologischen Fußabdruck einer Stadt oder Gemeinde spielt das Thema eine große Rolle.

Wenn über nachhaltige Stadtentwicklung gesprochen wird, liege der Fokus meistens auf Energie und Mobilität. Das hat Alexander Handschuh beobachtet, der Pressesprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. „Aber 30 Prozent des ökologischen Fußabdrucks einer jeden Kommune gehen auf das Thema Ernährung zurück“, merkt er an. Dieses Thema sei lange unterschätzt worden.

Dafür stand es nun im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde der Konferenz „Stadt und Land – regional denken und handeln“, welche von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Bundes-SGK veranstaltet wurde. „Kommunen gestalten Ernährung“, lautete der Titel.

Ernährung als zentraler Treiber für Nachhaltigkeit

Zum Einstieg stellte Handschuh einige Ergebnisse des Projektes „KERNig“ der Universität Freiburg vor. Die Abkürzung steht für „Kommunale Ernährungssysteme als Schlüssel für städtische Nachhaltigkeit“. Handschuh drückt es so aus: Es sei nicht mehr nur die Nahrungsmittelproduktion vom Klima abhängig, sondern auch das Klima von der Nahrungsmittelproduktion. Deshalb seien Kommunale Ernährungsstrategien nicht nur ein Beitrag, sondern ein zentraler Treiber von nachhaltiger Stadtentwicklung.

Kommunen können auf den gesamten Prozess Einfluss nehmen: Von der Produktion der Lebensmittel über die Verarbeitung, Versorgung und Verpackung bis hin zur Entsorgung. Neben der Verwaltung können dabei auch Initiativen, Unternehmen und weitere Akteur*innen vor Ort eingebunden werden. Das Thema wirke also in nahezu alle Handlungsbereiche einer Kommune hinein und müsse entsprechend mitgedacht werden, erläuterte Handschuh. Dazu seien ein politischer Wille nötig, Gestaltungsspielräume in der Verwaltung und natürlich Kapazitäten – also Geld und Personal.

Kinder bauen Gemüse an

Themen wie Ernährung müssten „Pflichtaufgaben einer Kommune werden, damit die Ressourcen da sind“, meint Thorsten Krüger, der Bürgermeister von Geestland. Er stellte ein konkretes Projekt vor, an dem sich seine Stadt beteiligt: das Bildungsprogramm „GemüseAckerdemie“. Die Idee: An Kitas und Grundschulen bauen Kinder ihr eigenes Gemüse an. Auf diese Weise erleben sie, wo Lebensmittel herkommen und sollen Wertschätzung dafür entwickeln. „Sie können hautnah erleben, wie man vom Samen zur knackigen Mohrrübe kommt“, sagt Krüger. Das werde auch pädagogisch gut begleitet. Die Stadt Geestland und die AOK Niedersachsen fördern das Projekt finanziell.

Mehr als 165 Kommunen nehmen bereits an der „GemüseAckerdemie“ teil. Aber das sei natürlich nur ein Baustein von vielen, meint Krüger. Er kritisiert eine „Fehlhaltung“ in Teilen der Gesellschaft. Zum einen werde erwartet, dass auf komplexe Probleme schnelle Antworten gegeben werden. Zum anderen wollten fast alle mehr Tierwohl, aber kaum jemand wolle die Kosten dafür tragen. Hier plädiert Krüger für eine Bewusstseinsänderung. Deshalb beteilige sich die Stadt am Ernährungsrat, plane Veranstaltungen wie ein nachhaltiges Weihnachts- oder Muttertagsfrühstück und habe den „Hof der Zukunft“ mit ins Leben gerufen. Das sei eine Gemeinschaft zwischen Verbänden aus Wirtschaft und Landwirtschaft, die überlegen, wie der Hof der Zukunft aussehen muss, damit er lebensfähig ist. Es gebe viele Bildungsprojekte und eine städtische Nachhaltigkeitsmanagerin, die sich um Ernährungsthemen kümmert.

Selbstversorgung ist wichtiger Faktor

Wie in einer KERNig-Dokumentation für den Deutschen Städte- und Gemeindebund nachzulesen ist, ist der Selbstversorgungsgrad durch regional produzierte Produkte ein essenzieller Faktor bei der Nahrungsmittelversorgung der Regionen. Fleisch, Milch und Getreide würden hierzulande in größeren Mengen produziert als verbraucht. Dagegen liege der Selbstversorgungsgrad beim Obst nur bei einem Drittel, beim Gemüse sogar nur bei einem Fünftel.

Die KERNig-Studie zeigt konkrete Beispiele auf, wie Kommunen nachhaltige Ansätze vorantreiben. Neben Schulgärten können das Urban-Gardening-Projekte sein oder auch der klassische Wochenmarkt, an dem regional erzeugte Produkte verkauft werden. Alexander Handschuh berichtete von einer Kommune, die eine eigene Bäckerei betreibe, um regionale Produkte zu fördern und eine regionale Versorgung zu ermöglichen. Das habe der Bürgermeister sogar bei der Kommunalaufsicht durchgekämpft – im Einzelfall lasse sich so ein Projekt gut begründen. „Man muss einfach den Mut haben, die Freiräume, die bestehen, auch auszuloten“, meint Handschuh.

 

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