Armuts- und Reichtumsbericht

Die Vermessung der sozialen Lage

Arbeitslosigkeit ist ein Armutsrisiko. Mehr als die Hälfte aller Erwerbslosen in Deutschland sind von Armut gefährdet.
Besonders von Armut gefährdet sind Arbeitslose, Alleinerziehende, Niedrigqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund. AWO-Präsident Wilhelm Schmidt: „Die Aufgabe von Staat und Kommune muss darin liegen, eine derart umfassende Daseinsvorsorge bereitzustellen, dass Ungleichheiten ausgeglichen oder zumindest verringert werden können.“

„Es geht darum, soziale Gerechtigkeit herzustellen.“ Das sagte AWO-Präsident Wilhelm Schmidt mit Blick auf den Entwurf des fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bei einer Diskussionsveranstaltung der SPD Bundestagsfraktion. Die AWO erlebe täglich vor Ort in ihren Einrichtungen, Diensten und Beratungsstellen, was Ungleichheit für negative Auswirkungen habe. Schmidt: „Armut raubt dem einzelnen Menschen die Hoffnung und die Perspektive auf eine bessere Zukunft.“ Ziel des Berichts ist laut das Bundesarbeits- und -sozialministerium unter Ministerin Andrea Nahles (SPD) in letzter Konsequenz die Entwicklung von grundlegenden politischen Handlungsoptionen zur Vermeidung und Bekämpfung von Armut und Ungleichheit. 

Wo Armutsrisiken entstehen

Erstmals gibt der Bericht einen Einblick, wodurch Armutsrisiken in der Einkommensverteilung entstehen. „Risiken im Arbeitsmarkt sind insgesamt mit höheren Armutsrisiken verbunden. Der Sozialstaat gleicht die extremen Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung zwar aus, aber er gleicht es in den vergangenen Jahren immer weniger aus“, sagte Gerhard Bäcker von der Universität Duisburg-Essen. Das wertet Bäcker „schon ein Indiz dafür, dass die Maßnahmen der Bundesregierung nicht zu hundert Prozent zum Erfolg geführt haben“.

Besonders von Armut gefährdet sind gemäß dem Berichtsentwurf Arbeitslose, Alleinerziehende, Niedrigqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund.  Mehr als die Hälfte aller Erwerbslosen in Deutschland seien von Armut gefährdet. „Der Sozialstaat schafft es weniger als noch im Jahr 2000 hier einen Ausgleich hinzukriegen“, sagte Bäcker. Bei der Gruppe der Alleinerziehenden ist nach Ansicht Bäckers keine Besserung in Sicht, Kinderarmut habe in der Bundesrepublik keinesfalls abgenommen Dieses Thema benötige unverändert große Aufmerksamkeit, so Bäcker. Bei der Betrachtung von Armut und Reichtum orientieren sich die Autoren des Berichts an den Lebensphasen der Menschen in Deutschland. Gegliedert wurde hier in die Gruppen Kinder sowie jüngeres, mittleres und höheres Alter.

Verbindung von Armut, Reichtum und Demokratie

Lobende Worte fand Gerhard Bäcker dafür, dass der Bericht auch auf die Verbindung von Armut, Reichtum und Demokratie eingehe. „Die Wahlbeteiligung wird umso geringer, je schlechter die materielle Situation ist.“ Hier müsse ein weiteres finanzielles Auseinanderdriften verhindert werden, da es die demokratische Grundlage Deutschlands gefährde.

Darüber hinaus regte Bäcker an, die regionale Verteilung von Armut und Reichtum in weiteren Berichten zu betrachten. So könne sichtbar gemacht werden, dass es Gebiete gibt, die immer weniger Schritthalten können, während in anderen Gebieten der Wohlstand wächst. „Deutschland ist kein Monolith, sondern ein sehr ausdifferenziertes Land“, so Bäcker.

AWO: Chancengleichheit von Kindern verbessern

Die AWO versucht nach eigenen Angaben mit ihrer Arbeit dort Hoffnung zu geben, wo die individuelle Situation schwierig ist. „Unsere Antwort auf Armut sind starke soziale Einrichtungen und insbesondere Beratungsleistungen, sowie ein starkes freiwilliges Engagement“, erklärte Schmidt. Besonders die Kompetenzen von Familien in finanziellen Risikolagen müsse gestärkt werden. Vor allem ein ausreichendes und hochwertiges Bildungs- und Betreuungsangebot könne die Chancengleichheit gerade von Kindern deutlich verbessern.

„Die Aufgabe von Staat und Kommune muss darin liegen, eine derart umfassende Daseinsvorsorge bereitzustellen, dass Ungleichheiten ausgeglichen oder zumindest verringert werden können“, betonte der AWO Präsident.

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