Glosse „Das Letzte”

Marx und Mammon

Carl-Friedrich Höck05. Juni 2018
Glosse Das Letzte
Nicht zugänglich für Menschen ohne Humor: Die Glosse „Das Letzte”
In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. Das Gedenken an den Denker nimmt bedenkliche Formen an. Eine Glosse zum Jubiläum.

Landauf, landab wird derzeit der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. Es wäre spannend zu erfahren, was der berühmte Kapitalismuskritiker über die Feierlichkeiten denken würde. Schon zu Lebzeiten wunderte er sich gelegentlich da­rüber, was in seinem Namen so alles ­fabriziert wurde. Über eine französische Variante des Marxismus sagte er nur lapidar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“

Zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft

Karl Marx als Quietscheentchen
Karl Marx als Quietscheentchen – das verkauft sich in Trier derzeit gut.

Echte Marxisten sind heute ohnehin selten geworden. Dennoch hat sich ein regelrechter Marx-Hype entwickelt. Und der ruft Geschäftemacher auf den Plan.

In Trier zum Beispiel kann man niedliche Karl-Marx-Quietscheentchen kaufen. Wer möchte, kann also den gelben Schnabelmarx – in der einen Hand die Schreibfeder, in der anderen „Das Kapital“ haltend – in der heimischen Wanne zwischen duftendem Badeschaum treiben lassen. Dazu passt ein Karl-Marx-Wein oder ein Heißgetränk aus der Spruchtasse „Kaffeetrinker aller Länder, vereinigt euch!“. Beides ist ebenfalls in Trier zu erwerben. Eine lokale Schmuck­designerin hat das Jubiläum zum Anlass genommen, einen silbernen Karl-Marx-Ring zu entwerfen. Neu ist diese Paarung aus Marx und Mammon nicht. Davon zeugt auch die Sparkassen-Kreditkarte mit Marx-Motiv, die 2012 in Chemnitz eingeführt wurde und sich längst zum Klassiker entwickelt hat.

Im Trierer Touristenshop sind sogar Geldscheine mit Marx-Konterfei erhältlich. Wert: 0 Euro. Preis: 3 Euro. Eine einträgliche Geschäftsidee. Und irgendwie passt sie zu Marx, schließlich hat der Meister selbst einst den „Mehrwert“ analysiert, den er als „Überschuss des Produktenwerts über den Wert der verzehrten Produktbildner, d. h. der Produktionsmittel und der Arbeitskraft“ beschrieb. Nur, dass in Marx’ Theorie die Ausbeutung der Arbeiter den Mehrwert schafft und nicht sein eigenes Antlitz auf einem Stück Papier.

Vom Kapital lernen

Das Kapital regiert, meinte Marx. Und was wollen Politiker? Richtig, ebenfalls regieren. Warum also nicht vom Kapital lernen, sprich von erfolgreichen Kapitalisten? Das dachte sich wohl auch die SPD Lübeck. Ihr Wahlprogramm für die Kommunalwahl haben die Genossen im Stile ­eines Warenkataloges gestaltet, angelehnt an ein bekanntes schwedisches ­Möbelhaus. Auf 56 Seiten präsentieren die Lübecker Sozialdemokraten sich und ihre programmatischen Schwerpunkte – mit großformatigen Fotos, auf denen die Kandidaten in ­ihren Privatwohnungen zu sehen sind. Gewählt wurde übrigens am 6. Mai, einen Tag nach Marx’ Geburtstag. Und es hat geklappt: Die SPD wurde stärkste Kraft.

Ob Marx stolz wäre auf die Lübecker Nachfahren seiner einstigen Kampfgenossen? Möglich. Wahrscheinlicher aber ist, dass er einen langen Aufsatz schreiben würde, was in der SPD seiner Ansicht nach besser werden muss: zum Beispiel ­eine ­„Kritik des Lübecker Programms“.

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