Hannes Wegeles erstes Jahr im Rat: „Man muss sich selbst Zeit geben”
Seit 2024 macht Hannes Wegele Politik im Gemeinderat von Ebersbach an der Fils. Für die DEMO-Serie „Mein erstes Jahr im Rat” berichtet er von seinen Erfahrungen – und verrät, welche Erkenntnis ihm geholfen hat.
Hannes Wegele (privat)
Hannes Wegele will aus Ebersbach nicht wegziehen, auch wenn er deshalb zur Uni lange pendeln muss.
Ich steckte mitten in den Abiturvorbereitungen, als mein SPD-Ortsvereinsvorsitzender mich gefragt hat, ob ich für den Gemeinderat kandidieren möchte. „Ja, natürlich“, habe ich geantwortet. Ich wohne in Ebersbach an der Fils, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Vieles am Stadtbild gefällt mir nicht: zu grau, zu alteingesessen, es gibt hier fast nichts für Jugendliche. Ich hatte also einige Ideen, was man verbessern könnte.
Ein Plakat, das alle Köpfe der SPD-Liste zeigte, hing direkt auf dem Weg zu meiner Schule. Später wurden auch Kandidierende in die wahlberechtigten Klassen eingeladen. In der Schule wussten bald alle, dass ich für die SPD antrete. Ich wurde auch häufig darauf angesprochen. Gestört hat mich das nicht, ich habe die Aufmerksamkeit sogar ein bisschen genossen. Und im persönlichen Umfeld habe ich tatsächlich nur positive und unterstützende Rückmeldungen bekommen.
Mit 19 Jahren in den Rat
Am 26. Juli 2024 wurde ich in den Gemeinderat gewählt. Das habe ich erst vier Tage später erfahren, denn zuerst mussten die Europa- und die Kreistagswahlen ausgezählt werden. Am Donnerstag nach der Wahl war ich gerade dabei, das Mitteilungsblatt unserer Gemeinde auszutragen. Zwischendurch habe ich immer wieder aufs Handy geschaut, wo nach und nach die Ergebnisse eintrafen. Als ich alle Blätter ausgetragen hatte, war ich Ratsmitglied. Das hätte ich kaum für möglich gehalten. Ich bin erst 19 Jahre alt, und der Rat ist im Durchschnitt ein sehr altes Gremium. Aber ich habe tatsächlich 3.000 Stimmen bekommen, bei 7.300 Wählenden insgesamt. Auch dem Kreistag gehöre ich jetzt an.
Die Atmosphäre im Rat ist eine sehr wertschätzende. Ich wurde gut aufgenommen. Schnell war klar, dass ich das Thema Jugend besetzen werde. Außerdem möchte ich mein Mandat nutzen, um anderen Leuten zu zeigen, was in der Kommunalpolitik passiert – vor allem den Jugendlichen. Ich rede in den Sozialen Medien über Kommunalpolitik oder gehe auch mal in eine Schule. Wenn man sich die Kommunalwahl-Listen der verschiedenen Parteien anschaut, waren dort kaum Jugendliche vertreten. Das kann doch eigentlich nicht sein!
Am Anfang gab es im Gemeinderat einige Dinge, die mich überfordert haben. Das fängt damit an, dass ich schnell die Namen von Amtsleitern und gängige Abkürzungen lernen musste. Dann stand auch schon der erste Haushalt an, ein Dokument mit 600 Seiten. Zum Glück muss niemand alles lesen, das teilen wir in der Fraktion nach Themen auf. Die alten Hasen im Gemeinderat haben mir gut erklärt, wie so ein Haushalt funktioniert. Was mir immer noch Schwierigkeiten bereitet, sind die vielen Fachbegriffe, die in der Rathausverwaltung genutzt werden. Oft lese ich eine Beschlussvorlage und denke: Dieses Wort hast du noch nie gehört!
Geholfen hat mir, dass ich realisiert habe: Ich bin nur ein Hobby-Politiker, ich darf Fehler machen und auch fünfmal bei der Verwaltung nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Manchmal gehe ich nach einer Sitzung noch zur Bürgermeisterin und lasse mir etwas erklären. Man muss sich selbst Zeit geben, in die Kommunalpolitik hineinzufinden.
Infos auch auf Instagram
Ein paar schöne Erfolge konnte ich in meinem ersten Ratsjahr schon erzielen. Zum Beispiel habe ich angeregt, dass die Stadt nicht mehr nur auf Facebook, sondern auch auf Instagram vertreten ist. Das ist wichtig, weil viele Informationen sonst gar nicht die Leute aus meiner Generation erreichen würden. Zum Beispiel der Hinweis, dass sich die Fahrtzeiten des Bürgerbusses geändert haben. Ich freue mich auch, dass unsere Parks jetzt endlich auf Vordermann gebracht werden und dabei mehr Angebote für Jugendliche entstehen.
Dafür nehme ich den Zeitaufwand gerne in Kauf. Pro Woche kommen für die Ratsarbeit geschätzt fünf bis sechs Stunden zusammen, dazu kommen fünf Stunden für den Kreistag. Die Parteiarbeit ist da nicht mitgerechnet. Trotzdem bleibt mir noch Zeit für andere Hobbys. Ich spiele Posaune in verschiedenen Musikvereinen und engagiere mich im Jugendverband CVJM. Leider muss ich als Student zu meiner Universität in Ludwigsburg mit dem Zug pendeln: anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück. Ich möchte trotzdem nicht aus Ebersbach wegziehen, denn dann würde ich im schlimmsten Fall mein Ratsmandat verlieren.
Mein Fazit nach dem ersten Jahr im Rat? Du brauchst eine hohe Frustrationstoleranz. Man stößt sehr schnell an Grenzen und kommt mit vielen Ideen nicht weiter, weil Geld oder Personal fehlt. Trotzdem macht die Arbeit Spaß, und man entwickelt ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Zum Beispiel, wenn ein neu erschlossenes Gebiet eine solarbetriebene Straßenbeleuchtung bekommt, nachdem man das vorgeschlagen hat.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.