Von allen für alle: Was Soziokultur für Kommunen leistet
Die Soziokultur ist eine Säule für die Zivilgesellschaft in den Kommunen. Mittlerweile wird sie von rechts zunehmend unter Druck gesetzt und infrage gestellt.
Matthias Sabelhaus
Als Weihnachtsmärchen steht beim Statt-Theater-Vegesack in diesem Jahr „Dr. Dolittle“ auf dem Programm. Es ist seit 40 Jahren ein fester Bestandteil der Soziokultur.
Dr. John Dolittle ist Tierarzt. Er versteht die Sprache der Tiere und kann mit ihnen sprechen. Die Menschen haben sich längst von ihm abgewandt. Seine Freunde sind Papageien, Schweine und Hunde. Logisch, dass sich John Dolittle sofort auf den Weg nach Kirafa macht, als von dort ein Hilferuf kommt, weil Affen erkrankt sind. Bei diesem Theaterstück haben die Kinder ihren Spaß. „Dr. Dolittle – der Arzt, der mit den Tieren spricht“, heißt es. Es ist das aktuelle Weihnachtsmärchen des Statt-Theaters Vegesack aus Bremen. Nicht Profis stehen dafür auf der Bühne, sondern Amateure. Seit Wochen proben sie – abends und an den Wochenenden.
Bei Soziokultur geht es ums Mitmachen
Das Statt-Theater existiert seit rund 40 Jahren. Seine Spielstätten sind die Kultureinrichtungen ihres Stadtteils. „Dr. Dolittle“ besteht seine Abenteuer auf der Bühne des Kulturbahnhofs Vegesack – einer typischen Kombination für Soziokultur. Deren Bedeutung erklärt Kristina Rahe, kulturpolitische Geschäftsführerin und Referentin für Demokratiestärkung des Bundesverbandes Soziokultur: „Es geht darum, mitzumachen und zu gestalten. Über Initiativen, Netzwerke vor Ort und in Institutionen.“ Hier das Amateurtheater, dort Musiker und Mitglieder von Vereinsgruppen. Sie alle gehören zum weiten Feld der Soziokultur.
Als Dach- und Interessenverband wirkt der Bundesverband Soziokultur. Von seinem Sitz an der Lehrter Straße in Berlin aus vertritt dieser bundesweit mehr als 820 Zentren und Initiativen. Das geschieht über die 15 Landesverbände. Einzige Ausnahme ist Berlin. Die Hauptstadt hat keinen eigenen Verband, sondern lediglich einige Direktmitglieder. „Das ist schade, denn dort gibt es auch darüber hinaus viel Soziokultur“, sagt Rahe. Arbeit haben die Mitarbeitenden im Verband trotzdem genug. Nicht nur jede Initiative, sondern auch jeder Landesverband ist anders organisiert. Alle beraten ihre angeschlossenen Einrichtungen. In Niedersachsen gibt es sogar ein eigenes Netz aus Kulturberatern. Einige der Landesverbände reichen Förderungen aus Landesmitteln weiter.
Einrichtungen sehen sich vermehrt angegriffen
Das Selbstverständnis des Bundesverbandes und seiner angeschlossenen Einrichtungen ist laut Rahe klar: Es gehe um Teilhabe am öffentlichen Leben vor Ort sowie um die Interessenvertretung und die Verbesserung der Rahmenbedingungen der Soziokultur – etwa in den Bereichen kulturelle Bildung, Demokratiestärkung und Nachhaltigkeit durch Vernetzung. „Das ist heute notwendiger als je zuvor“, sagt Rahe.
Denn zunehmend sind die Einrichtungen in den Städten und Gemeinden Angriffen und Anfeindungen von rechts ausgesetzt. Rund 20 Prozent klagten über entsprechende Übergriffe. Dies erzeugt laut Rahe „ein Klima der Angst“. Die zunehmende Stärke der AfD in den Kommunen „ist für die Soziokultur zum Problem geworden“.
Rahe illustriert das Problem anhand der sächsischen Gemeinde Wurzen. Das Land hatte Fördergeld für das Netzwerk für Demokratie (NDK) freigegeben. Doch die Kofinanzierung seitens der Kommune kam auf Druck der AfD nicht zustande. Der Rat lehnte die Freigabe des Geldes ab. Selbst die eingesammelten Spenden durfte das NDK nicht einsetzen. „Das ist aktuell kein Ost-Problem“, sagt Rahe. So habe die niedersächsische AfD-Landtagsfraktion eine kleine Anfrage eingebracht. Das Ziel sei die Diskreditierung des Landesverbandes Soziokultur. Die Fraktion regt unter anderem an, die Förderung einzustellen und den Begriff Soziokultur durch Bürgerkultur zu ersetzen. „Das sind andere Werte, die hier vertreten werden“, so Rahe.
Fachkräftemangel und Geldsorgen
Hinzu kommt der Fachkräftemangel in den Kommunen, Verbänden und Einrichtungen. Diese befinden sich zudem mitten im Generationswechsel. Obendrauf kommt die veränderte Anspruchshaltung der Menschen: „Nicht mehr der Idealismus steht im Vordergrund wie zu Gründungszeiten der Einrichtungen, sondern auch der Wunsch nach fairer Vergütung.” Gleichwohl, so Rahe, „gibt es nach wie vor viele ehrenamtliche und nachbarschaftsorientierte Unternehmungen“.
Bleibt die große Frage nach der Finanzierung. In diesem Bereich gilt das, was viele beklagen: die komplizierte Bürokratie. Gerade bei Drittmittelanträgen ist es schon seit Jahren kompliziert. Mindestens ebenso lange setzt sich der Bundesverband Soziokultur für Erleichterungen beim Zuwendungsrecht ein. Erkenntnisse und Anregungen, welche unkomplizierten Regelungen möglich wären, sammelte der Bundesverband beim Programm „Neustart Kultur“, das der Bund im Zuge der Corona-Pandemie aufgelegt hatte.
Blickt Rahe in die Zukunft, sieht sie Licht und Schatten. Einerseits ist die Kulturmanagerin optimistisch. Die Soziokultur sei immer gut durch Krisen gekommen, die Akteure entwickelten unglaubliche Energie. Für die kommenden fünf bis zehn Jahre heiße die Losung „Raus aus den Zentren und neue Zielgruppen erschließen“. Andererseits schaut Rahe schon jetzt auf den Ausgang kommender Wahlen. Sollte die AfD noch stärker werden oder sogar Regierungsverantwortung übernehmen, werde die Arbeit schwerer – unter anderem in Sachen Gemeinnützigkeit. Diese werde schon jetzt von rechts instrumentalisiert und als Druckmittel verwendet. Aber ohne Gemeinnützigkeit gebe es keine niedrigschwelligen Angebote.
Weiterführende Informationen:
soziokultur.de
Torsten Kropp
Ulf Buschmann ist freier Journalist in Bremen. Für die DEMOKRATISCHE GEMEINDE ist er seit 1998 als Autor tätig.