Warum Freiburg ein neues NS-Dokumentationszentrum geschaffen hat
In Freiburg im Breisgau arbeitet ein neues Dokumentationszentrum die nationalsozialistische Vergangenheit auf. Die Einrichtung zieht viele Besucherinnen und Besucher an. Und manch eine Legende über die Geschichte der Stadt wird widerlegt.
Patrick Seeger/Stadt Freiburg
Teil des Dokumentationszentrums ist ein Gedenkraum für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Seit März 2025 gibt es in Baden-Württemberg eine weitere Anlaufstelle für Geschichtsinteressierte: das „Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg im Breisgau“ (DZNS). Das Interesse ist enorm: 34.500 Menschen haben das DZNS bis Ende Oktober besucht, das entspricht einem Schnitt von 4.400 Besuchern pro Monat. Dazu beigetragen hat auch ein Beschluss des Gemeinderates, den Eintritt im ersten Jahr kostenfrei zu ermöglichen.
Zentraler Ort, um sich über den NS zu informieren
Der Anstoß für das Dokumentationszentrum kam aus der Zivilgesellschaft. „Freiburg hat eine sehr vielfältige Erinnerungskultur“, erzählt die SPD-Landtagsabgeordnete Gabi Rolland. Immer wieder seien einzelne Aspekte aus der NS-Zeit in Freiburg thematisiert worden: Die Euthanasiemorde, die Zerstörung der Synagoge, die Deportation jüdischer Familien, die Verfolgung von Sinti oder der Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Was aber gefehlt habe, sei ein zentraler Ort, um sich über die Zeit des Nationalsozialismus, seine Vorgeschichte und die Nachwirkungen zu informieren.
Um das Jahr 2010 gründeten sich Initiativen, die sich für ein Dokumentations- und Informationszentrum einsetzten. Eine treibende Kraft war Marlis Meckel, die bereits die Stolpersteine nach Freiburg gebracht hatte. Rückenwind für das Anliegen entfachte 2016 bis 2017 eine gut besuchte Sonderausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ im Augustinermuseum. 2018 entschied der Freiburger Gemeinderat einstimmig, ein NS-Dokumentationszentrum einzurichten.
Ausstellung an historischem Ort
Ein passender Ort wurde mit dem ehemaligen Verkehrsamt gefunden. Die Stadt hatte den Gebäudekomplex aus dem Jahr 1936 bereits verkauft, erwarb ihn aber zurück. Der historische Luftschutzkeller wurde später in die Ausstellung integriert. Genau wie ein Wandgemälde aus dem Jahr 1939, das Menschen stilistisch so darstellt, wie es der damaligen völkischen NS-Ideologie entsprach. Das hinter einer Wand verborgene Bild wurde während der Arbeiten am DZNS wiederentdeckt.
Die Stadt hat sich das Projekt einiges kosten lassen. Für Umbau und Sanierung fielen 5,9 Millionen Euro an, so der für Kultur zuständige Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD). Die Einrichtung und Erstausstattung kosteten 1,6 Millionen Euro; der Rückkauf des Gebäudes 6,8 Millionen. Hinzu kommen die laufenden Kosten fürs Personal und Gebäude.
Förderverein unterstützt das Dokuzentrum
100.000 Euro sind mit Spenden zusammengekommen – unter anderem durch einen Förderverein, der 2022 ins Leben gerufen wurde. Gabi Rolland war Mitgründerin und ist heute Revisorin beim Förderverein. Dieser solle für eine gute Stimmung sorgen und Geld organisieren, erklärt Rolland, „was ihm hervorragend gelingt”.
Wissenschaftliche Leiterin des Dokumentationszentrums ist die Historikerin Julia Wolrab. Sie berichtet, dass man sich im Vorfeld der Eröffnung mit vielen anderen Gedenkstätten und Erinnerungsorten ausgetauscht habe. Inhaltlich setzt das Freiburger Haus aber auch eigene Akzente. „Das DZNS in Freiburg nimmt die lokale und regionale Geschichte des Dreiländerecks zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz in den Blick“, erläutert Wolrab. Regionale Besonderheiten seien etwa Freiburgs Rolle als westliche Frontstadt, die Fluchtrouten über die Schweiz bei Basel oder die Annexion und „Germanisierung“ des Elsass und Lothringens 1940.
Erzählungen werden kritisch hinterfragt
„In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle Freiburgs als vermeintlich ‚unbeteiligter‘, vorwiegend auf Wissenschaft und Tourismus ausgerichteter Stadt kritisch hinterfragt“, betont Wolrab. So sei die „Arisierung“ vergleichsweise früh umgesetzt worden. Auch habe es im Oktober 1940 eine erste groß angelegte und systematische Deportation von als jüdisch verfolgten Menschen aus dem Reichsgebiet gegeben.
Mit der Landeszentrale für politische Bildung hat das Dokumentationszentrum eine Hausgemeinschaft gebildet. „Gemeinsam realisieren wir als ‚WG’ zwischen kommunaler und Landeseinrichtung Veranstaltungen, Workshops und Bildungsangebote unter einem Dach“, so Wolrab.
Die Besucherzahlen hätten die Erwartungen deutlich übertroffen, sagt Kultur-Bürgermeister von Kirchbach. „Neben der großen Resonanz, die das Haus gerade auch bei jungen Menschen und Schulklassen erfährt, freuen wir uns über den Zuspruch, der nicht nur aus der Region, sondern aus der ganzen Welt kommt“, teilt er mit. Die Gästebücher würden das eindrücklich dokumentieren.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.