Aktuelles

Schwarmwissen fürs Wahlprogramm: SPD in Verden sucht den Dialog

29. Januar 2026 13:08:53

In Verden erprobt die SPD ein neues Format, um mit Wähler*innen ins Gespräch zu kommen. Sie hat Vereine, Betriebe und engagierte Bürger*innen zu einer Zukunftswerkstatt eingeladen. Gemeinsam entwickelten die Teilnehmenden Ideen für den Landkreis.

Teilnehmer diskutieren um einen Tisch herum sitzend

Die Teilnehmenden an der SPD-Zukunftswerkstatt diskutierten ernsthaft und hart an den Themen.

Özge Kadahs wichtigstes Werkzeug ist die Stoppuhr ihres Smartphones. Regelmäßig wirft die Vorsitzende der SPD im Landkreis Verden einen prüfenden Blick auf das Display. „Die Zeit ist um, wir machen eine kurze Pause, dann geht es weiter“, ruft Kadah den Anwesenden im Raum zu. Nach der Pause versammeln sich alle wieder um die Tische, auf denen große Papierbögen mit Themenüberschriften liegen: „Wirtschaft und Arbeit“, „Gesundheitliche Versorgung“, „Bildung und Betreuung“, „Mobilität“, „Bezahlbares Wohnen“, „Klima- und Umweltschutz“ sowie „Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Ehrenamt“.

Niedrigschwelliges Angebot

Dieses Setting bildet den Rahmen für die „Zukunftswerkstatt“ der SPD im Landkreis Verden, die im Achimer „Tips“ stattfindet. Die Partei möchte interessierten Bürger*innen, Vertreter*innen von Vereinen und Verbänden sowie Unternehmern ein „niedrigschwelliges Angebot“ machen, um ihre Ideen für die Zukunft des Landkreises zu artikulieren, erklärt Kadah. „Die Ergebnisse sollen in unser Wahlprogramm einfließen.“ Am Tisch zum Thema „Wirtschaft und Arbeit“, geleitet von der Kirchlinteler Landtagsabgeordneten Dörthe Liebetruth, kristallisiert sich nach kurzer Zeit ein Motto heraus: „Beschäftigten und Unternehmen eine Heimat bieten.“

Dieses Ziel soll jedoch nicht allein durch klassische Wirtschaftsförderung erreicht werden. „Da müssen viele Zahnräder ineinandergreifen“, betont Marcus Stadtlander, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Ottersberg. Obwohl er sich gerade mit dem Thema „bezahlbares Wohnen“ beschäftigt, wird schnell klar, dass es viele Überschneidungen gibt – eine funktionierende soziale Infrastruktur ist ebenfalls essenziell für das Heimatgefühl im Landkreis.

Im Dialog wird sichtbar, was dem Landkreis fehlt

Eine Teilnehmerin bringt ein Beispiel für solche Überschneidungen: „Wir brauchen mehr logopädische und ergotherapeutische Angebote für Kinder.“ Dies sei nicht nur für die Gesundheitsversorgung wichtig, sondern auch für die Bildung. Kinder in Kindertageseinrichtungen und Schulen hätten dadurch bessere Startchancen. Für Senioren und sterbenskranke Menschen seien mehr Pflege-, Hospiz- und palliativ-medizinische Angebote notwendig.

Auch bei den Themen Mobilität und Gesundheitsversorgung gibt es Schnittmengen, die oft erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. So sind beispielsweise die Bürgerbusse inzwischen unverzichtbar, damit besonders ältere Menschen aus den Randbereichen des Landkreises zum Arzt oder zur Physiotherapie gelangen können. Viele sind auf die Bürgerbusse angewiesen, da sie aus gesundheitlichen Gründen kein Auto mehr fahren können.

Ideen fließen in Kommunalwahl-Programm ein

Anfangs scheint die Themen- und Ideenfindung etwas schleppend zu verlaufen. Doch spätestens nach dem zweiten Aufruf von SPD-Kreischefin Kadah zum Tischwechsel füllen sich die großen Präsentationsblätter rasch. Die Moderatoren können zeitweise kaum so schnell mitschreiben, wie die Ideen sprudeln. „Wenn man erstmal losgelegt hat, läuft es“, sagt einer der Teilnehmer lächelnd. Tatsächlich können die SPD-Funktionäre viele Vorschläge für das Parteiprogramm zur Kommunalwahl mit nach Hause nehmen.

Bei den Präsentationen müssen sich die Moderatoren auf wesentliche Punkte konzentrieren. Beim Thema Bildung steht der Wunsch nach mehr Personal an oberster Stelle. Auch die Öffnung der Klassenverbände in alle Richtungen sowie gesellschaftliche Bildung über die Kreisvolkshochschulen, Fachhochschulen und Hochschulen oder Berufskollegs sind ein Thema. Besonders aufmerksam lauschen die Anwesenden dem Wunsch nach der Durchführung medikamentöser Schwangerschaftsabbrüche bei den Aller-Weser-Kliniken im Bereich Gesundheit.

Vielfältig sind auch die Ideen für bezahlbaren Wohnraum. Die Bandbreite reicht von Pflege- und Senioren-Wohngemeinschaften bis zur Anwendung des sogenannten Bauturbos. Eine Schnittmenge gibt es beim günstigen Wohnraum für Auszubildende – in diesem Fall mit dem Themenblock „Wirtschaft und Arbeit“. Die Teilnehmenden sprechen sich unter anderem für Wohnheime für Auszubildende aus, etwa über die Kreiswohnbaugesellschaft. Dies, so die Argumentation, sei ein Instrument zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Zudem wird der Wunsch nach einem überparteilichen Grundkonsens geäußert, um Planungssicherheit für Unternehmen zu schaffen.

Vorschläge für Ehrenamt, Klimaschutz oder Mobilität

Im Themenfeld Ehrenamt und soziale Infrastruktur wünschen sich die Interessierten unter anderem eine Ehrenamtskarte und einen Ehrenamtspreis, wie es ihn beispielsweise im Landkreis Diepholz gibt. Zudem wird die Frage nach dem Zugang zu ehrenamtlichem Engagement für wirtschaftlich und sozial benachteiligte Menschen breit diskutiert – ein Stück sozialer Gerechtigkeit.

Ebenso vielfältig sind die Ideen für den Block „Klima, Umwelt und Naturschutz“. Die Mitmacher schlagen beispielsweise „Leuchtturmprojekte auf Kreisebene“ vor. Das Schlagwort lautet „Null-CO2-Dörfer“. Bei der Wasserversorgung setzen die Ideengeber auf die „kollektive Intelligenz im Raum“. Energiegenossenschaften seien ebenfalls sinnvoll. „Wir müssen Wirtschaft und Naturschutz zusammen denken“, schließt der Moderator seinen kurzen Vortrag.

Auch beim Thema „Mobilität und Verkehr“ sprudeln die Ideen nur so. Ein Ausschnitt: Die Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs aus den Randbereichen in die Ortschaften am Wochenende verbessern, zusätzliche Bahnhaltepunkte in Dauelsen und Uphusen umsetzen, die Fahrrad-Premiumroute bis Langwedel fortführen. Für die Bürgerbusse wünschen sich die engagierten Menschen mehr Respekt seitens der Behörden, der hier und da nicht wirklich vorhanden sei. 

Zum Abschied verspricht Kadah den Anwesenden, dass ihre Anstrengungen an diesem Vormittag nicht umsonst gewesen sein werden. Sie weist auf die für den 25. April geplante Aufstellungsversammlung der Sozialdemokraten hin. Dann sollen nicht nur die Kandidaten für die Kommunalwahl benannt werden, sondern auch das Programm mit den Ideen aus der Zukunftswerkstatt verabschiedet werden. Was davon umgesetzt worden ist, können Interessierte im Rahmen eines „Monitorings“, so Kadah, zur Mitte der Wahlperiode überprüfen.

Autor*in
Ulf Buschmann

Ulf Buschmann ist freier Journalist in Bremen. Für die DEMOKRATISCHE GEMEINDE ist er seit 1998 als Autor tätig.

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.