Umfrage: Bürgermeister klagen über fehlende Gestaltungsspielräume
Die Hälfte der ehrenamtlichen Bürgermeister*innen ist laut einer Forsa-Umfrage unzufrieden. Manche werden bedroht, einige treten sogar den Rückzug an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt: „Das darf uns nicht gleichgültig sein!“
Davis Ausserhofer/Körber Stiftung
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier empfing ehrenamtliche Bürgermeister*innen im Schloss Bellevue.
Ohne ehrenamtliche Bürgermeister*innen würde auf kommunaler Ebene nichts laufen: Ihre Arbeit ist das Fundament der Demokratie. In mehr als 6.000 Gemeinden übernehmen sie täglich Verantwortung für das Leben in Städten, Dörfern und Gemeinden in Deutschland. Doch die Hälfte der Amtierenden (50 Prozent) ist mit den Bedingungen ihres Amtes unzufrieden (50 Prozent).
Ihre Einflussmöglichkeiten schrumpfen: Nur noch 33 Prozent sind mit ihren Gestaltungsspielräumen zufrieden – ein Rückgang um 18 Prozentpunkte gegenüber 2024. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung, die von Oktober 2025 bis Januar 2026 durchgeführt wurde.
Bundespräsident Steinmeier würdigt Engagement
Die Präsentation der Umfrageergebnisse war ein Anlass, das Engagement ehrenamtlicher Bürgermeisterinnen zu würdigen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Mittwoch 100 Amtsträgerinnen im Schloss Bellevue in Berlin empfangen. „Sie alle engagieren sich für das Gemeinwohl in Ihrem Heimatort, nicht als Einzelkämpfer, sondern im Zusammenspiel mit Bürgern und Verwaltung. Sie bringen Menschen zusammen, pflegen das respektvolle Gespräch, stärken Zusammenhalt und Demokratie. Sie haben Mut zur Veränderung, setzen Innovationen um, verbreiten Zuversicht“, sagte der Bundespräsident und fügte hinzu: „Es ist großartig, was Sie leisten, herzlichen Dank!“
Diese Wertschätzung dürften die eingeladenen Gäste besonders genossen haben. Laut der Forsa-Studie sagen jedoch nur 13 Prozent, dass sie sich von ihrer eigenen Landesregierung anerkannt und wertgeschätzt fühlen. Vor Ort sieht es besser aus: Eine große Mehrheit fühlt sich durch den Gemeinderat (85 Prozent), durch die Bürger*innen in ihrer Gemeinde (80 Prozent) und durch die Gemeindeverwaltung (77 Prozent) stark wertgeschätzt.
Erfahrungen mit Anfeindungen oder Übergriffen
Mehr als ein Drittel der Befragten hat Erfahrungen mit Anfeindungen oder Übergriffen gemacht. 37 Prozent geben an, dass sie selbst oder Angehörige bereits aufgrund ihres Amtes beleidigt oder bedroht worden sind (2024: 40 Prozent). An einen Rückzug denkt aber nur eine Minderheit: 14 Prozent aller Befragten haben aus Sorge um ihre Sicherheit oder die ihrer Familie darüber nachgedacht, sich aus dem Amt zurückzuziehen (2024: 13 Prozent).
Steinmeier griff das Thema in seiner Rede auf: „Es gibt ehrenamtliche Bürgermeister, die ihr Amt vorzeitig aufgeben oder sich nicht wieder zur Wahl stellen, weil sie sich überlastet fühlen oder bedroht werden.“ Gerade in kleineren Gemeinden komme es vor, dass sich niemand mehr finde, der kandidieren wolle. „Das darf uns nicht gleichgültig sein!“, konstatierte der Bundespräsident. Ehrenamtliche Kommunalpolitiker müssten stärker unterstützt werden; dabei müsse man an mehreren Stellen ansetzen: Sind die Aufwandsentschädigungen angemessen? Sind „andere Benefits“ denkbar? Auch über die Frage, ob sich die Verwaltung größerer Gemeinden überhaupt noch mit einem Ehrenamt vereinbaren lasse, müsse weiter diskutiert werden.
„Die Frage wird mir oft gestellt, und ich stelle sie mir selbst: Ist das noch ein Ehrenamt?“, sagte dazu Tülay Tsolak (SPD) in einer Podiumsrunde. Sie ist Bürgermeisterin der Samtgemeinde Artland mit der Stadt Quakenbrück im Landkreis Osnabrück in Niedersachsen und hat daneben noch einen Vollzeitjob. Ihr Hobby sei das Ehrenamt. Im Durchschnitt habe sie an normalen Tagen eine 20-Stunden-Woche. Wenn etwa Haushaltssitzungen hinzukämen, seien es noch einmal rund zehn Stunden mehr. Die Frage beantwortet sie für sich dennoch mit einem „Ja“. Ihre Motivation für den zeitlichen Aufwand erklärt sie damit, dass man soziale, unternehmerische und demokratische Verantwortung übernehme.
Fehlende Finanzen, wenig Spielraum
Dass in vielen Kommunen Geldmangel eine große Herausforderung ist, zeigt sich auch in den Umfrageergebnissen: 70 Prozent bewerten die finanzielle Situation ihrer Kommune als schlecht bis sehr schlecht (2024: 62 Prozent), 88 Prozent sehen fehlende Haushaltsmittel als die größte Herausforderung der kommenden Jahre (2024: 86 Prozent).
Hier setzte auch der Bundespräsident in seiner Rede an: „In vielen Städten und Gemeinden fehlt das Geld, auch weil Bund und Länder immer mehr Aufgaben übertragen haben, ohne sie ausreichend zu finanzieren.“ Oft fehle Bürgermeister*innen auch einfach die Zeit für eigene Projekte, weil Bürokratie und Verwaltungsarbeit viele Stunden verschlingen. „Kurz gesagt: Die Spielräume zur Gestaltung sind geschrumpft.“ Ein Thema, das viele umtreibt: „Ein Rat ist im Grunde für Gestaltung und Ideen da“, bekräftigte Tülay Tsolak. Oft bleibe nur Mängelbearbeitung und wenig Raum für Gestaltung. Sie monierte auch, dass Fördergelder allein oft nicht ausreichten, weil eine Verstetigung der Mittel häufig fehle.
Demokratiefeindliche Tendenzen
Ein weiteres Ergebnis der Studie: 22 Prozent der Befragten beobachten vermehrt demokratiefeindliche Tendenzen in ihrer Kommune (2024: 17 Prozent). „Die Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal“, fasste Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Demokratie und Zusammenhalt der Körber-Stiftung, die Resultate zusammen. Wachsende Bürokratie und sinkende finanzielle Spielräume bedrohten die Stabilität der Gemeinden, zunehmende Polarisierung setze die Demokratie unter Druck. Es brauche für das kommunalpolitische Engagement mehr Unterstützung, forderte Tetzlaff.
Trotz der vielen Herausforderungen planen 44 Prozent der Befragten, bei der nächsten Wahl erneut für das Amt zu kandidieren – sieben Prozentpunkte weniger als 2024. Tülay Tsolak beschreibt, was sie am Amt fasziniert: „Ich liebe meine Heimat. Man kann auch mit kleinen Dingen viel bewirken.“ Besonders ermutigend findet sie die Begegnungen mit jungen Menschen, die sich vor Ort stark engagieren, und mit den vielen Menschen in Vereinen und Verbänden, die mit Begeisterung dabei sind. In Berlin freut sie sich besonders über die Möglichkeit, mit Bundespräsident Steinmeier und anderen Engagierten in einen Erfahrungsaustausch zu treten.
Ralf Bauer
ist Redakteurin beim vorwärts-Verlag und schreibt für die DEMO – Das sozialdemokratische Magazin für Kommunalpolitik.