Wald und Klimaschutz

Hamburgs heimliche Giganten

Susanne Dohrn 02. November 2021
Ein ganz besonderer Moment: Ein Hirsch steht mit seinem Rudel am Rande eines unzugänglichen Moorgebietes.
Das Liebesspiel der Hirsche ist eindrucksvoll. In der Hansestadt kann man es in der freien Natur erleben. Das ist spannend und zuweilen konfliktreich.

Weltklasse aus der Weltstadt“ lobte vor einigen Jahren die Zeitschrif t „Wild und Hund“ Hamburgs Hirsche. Ihre Geweihe gehören zu den größten Deutschlands, zeitweise der Welt. Sie leben im Duvenstedter Brook, einem etwa 800 Hektar großen Moorwald im Norden der Hansestadt, an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Zu Beginn des Herbstes ist Brunftzeit. Die Hirsche und ihre Weibchen, das geweihlose Kahlwild, verlassen den Schutz der Bäume und suchen freie Flächen auf, um sich zu paaren. Es ist die beste Gelegenheit, die größten Wildtiere Deutschlands in freier Wildbahn zu erleben. An diesem Abend führt Gernot Maaß von der Naturwacht Hamburg e. V eine kleine mit Feldstechern und festem Schuhwerk ausgestattete Gruppe zum Brunftplatz. Zusammen mit NABU, BUND, Botanischem Verein und Landesjagdverband betreut der Verein das Naturschutzgebiet.

Großwild in der Großstadt

Bis zum Beobachtungsstand mit den besten Chancen an diesem Abend ist es ein 40-minütiger Fußweg vom Brook-Hus, dem Informationszentrum des NABU. Zunächst sind nur die von den Bäumen fallenden Tropfen des jüngsten Regengusses zu hören, dann erklingt ein tiefes Röhren im angrenzenden Wald. Etwa 300 Meter entfernt am Ende einer Feuchtwiese hat ein starker Hirsch seinen Auftritt. Ein zweiter gesellt sich zu ihm. Parallel paradieren beide entlang der Baumreihe, ihre Geweihe hocherhoben. „Sie messen, wer von beiden der Stärkere ist, ohne kämpfen zu müssen“, sagt Maaß. Den wirklichen Herrscher des Brunftplatzes kann man nur hören. „Er hält im Hintergrund sein Rudel zusammen und sorgt dafür, dass die Konkurrenten fürs Erste nicht zum Zug kommen.“ Allenfalls später, wenn der Alte erschöpft ist, haben sie bei den Weibchen eine Chance.

Hirsche leben gefährlich, vor allem männliche. Maaß, der die Tiere anhand ihrer Gesichter und Geweihe unterscheiden kann, erzählt von einem Hirsch, „Gigant“ genannt, der schon im 4. Jahr ein Geweih mit 24 Enden entwickelte. In den nächsten beiden Jahren legte er noch einmal zu, dann verendete er vermutlich an einer Verletzung, die er sich beim Kampf mit einem Gegner zugezogen hatte. Während die Hirschkühe dem Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook treu bleiben, sind männliche Tiere Pioniere, wandern ab nach Schleswig-Holstein, und oft nehmen ältere Hirsche jüngere mit.

Populationen tauschen sich aus

Einem Hirsch gelang es, im 40 Kilometer entfernten Segeberger Forst ein Rudel mit 60 Weibchen zu erobern und seine Gene weiterzugeben, bevor er auf dem Rückweg nach Hamburg überfahren wurde. Sein Aufenthalt in Segeberg bewies, dass die Populationen im Norden Deutschlands sich austauschen. Um das auch nach dem Bau der A20 zu garantieren, die Schleswig-Holstein in Ost-West-Richtung zerschneiden wird, sollen Wildbrücken gebaut werden, auf denen Tiere die A20 queren können. Das alles und noch viel mehr lernen die Hirschfreunde an diesem Abend. Auf dem Weg zurück zum BrookHus senkt sich die Dunkelheit über den Wald und der Weg versinkt in Nebelschwaden. Bis auf einige Krähenrufe ist es still. Am Wegesrand modern die Stämme umgestürzter Bäume.

„Der Wald dient nicht der Holzproduktion, sondern der Erholung und dem Naturschutz. Der größte Teil kann sich natürlich entwickeln“, sagt Förster und Revierleiter Jan Malskat beim Telefonat. Hirsche fressen bis zu 20 Kilo Grünfutter am Tag: Blätter, Knospen, die Rinde von Bäumen, Feldfrüchte vom Acker. Deshalb wird ihr Bestand kontrolliert. Die Hirsche würden sonst im Wald, vor allem aber in der Landwirtschaft, zu große Schäden anrichten. Erholungssuchende, Naturschützer, Landwirtschaft und Hirsche, alle haben unterschiedliche Bedürfnisse – als Förster befinde er sich manchmal „im Auge des Orkans“, so Malskat.

Herausforderung Corona-Lockdown

Besonders herausfordernd war es während des ersten Corona-Lockdowns im März 2020. Hamburgerinnen und Hamburger strömten zu Tausenden in den Wald, viele hielten sich weder an Regeln noch an Wege, nahmen ihre Hunde mit, obwohl das im Brook untersagt ist, stöberten ruhebedürftiges Wild und brütende Vögel auf. Malskat: „Rotwild braucht Ruhe, sonst verlässt es das Brook.“ Aufgabe von Naturschutzgebieten ist es auch, die Natur vor den Menschen zu schützen, um für nachfolgende Generationen diese einzigartige Natur erhalten zu können, darin sind sich Naturschützer Maaß und Förster Malskat einig.

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