Gedenken und Aufarbeitung: Was die SPD für ein sowjetisches Ehrenmal plant
Ein sowjetisches Ehrenmal in Berlin ist Grabstätte für Soldaten der Roten Armee, aber auch von Stalins Propaganda geprägt. Die SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus will die Gedenkstätte mit zusätzlichen Informationen versehen.
Carl-Friedrich Höck
Blick auf das Ehrenmal in Berlin-Treptow
Mitten in Berlin, abseits der Touristenströme, liegt eine gigantische Anlage: das sowjetische Ehrenmal in Treptow. Es wurde 1949 im Auftrag der Sowjetische Militäradministration errichtet, um an die gefallenen Soldaten der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Blickfang ist eine kolossale Soldatenstatue, mit Sockel insgesamt 30 Meter hoch. In Deutschland gibt es über 4.000 sowjetische Kriegsgräberstätten. Diese hier in Berlin ist die größte.
Sowjetisches Mahnmal ist auch Begräbnisstätte
Sie sei sogar das größte Ehrenmal dieser Art westlich von Moskau, erzählt Alexander Freier-Winterwerb. Der SPD-Politiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus sieht in der Anlage einen Ort der Trauer, des Erinnerns und der Mahnung. Hier sind auch 7.000 Soldaten begraben. Doch das ist für Besucher kaum ersichtlich, die Toten werden auch nicht namentlich erwähnt.
Sichtbar sind dagegen Elemente der sowjetischen Geschichtsschreibung: An großen Steinblöcken, die an Sarkophage erinnern, stehen Zitate von Josef Stalin. „Für mich geht es um Heldenerzählungen“, sagt Freier-Winterwerb. Gezeigt werde der tapfere Kampf des sowjetischen Volkes gegen den Nationalsozialismus. Dagegen würden der Hitler-Stalin-Pakt, die Aufteilung Polens und baltischer Staaten, die Verbrechen und Gulags unter Stalin nicht thematisiert. „Aber ich finde, das ist Teil der Geschichte, und deshalb muss man das auch darstellen“, sagt der Sozialdemokrat.
Zusätzliche Informationen für Besucher
Er und Andreas Geisel, ebenfalls SPD-Abgeordneter, haben einen Antrag entworfen. Ihr Ziel: Das Sowjetische Ehrenmal Treptow soll kritisch kontextualisiert werden. Die Stalin-Zitate sollen kommentiert und eingeordnet werden, etwa auf Infotafeln oder mit digitalen Angeboten, die über QR-Codes aufgerufen werden können. Dort sollen dann auch die historischen Verbrechen Stalins thematisiert werden.
Die namentlich bekannten sowjetischen Soldatinnen und Soldaten, die auf dem Ehrenmal beigesetzt sind, wollen die SPD-Politiker würdigend sichtbar machen – beispielsweise durch eine Gedenkwand oder ein gedrucktes Namensverzeichnis vor Ort. Außerdem wollen die Abgeordneten verhindern, dass das Ehrenmal als Ort für politische Propaganda für das Putin-Regime instrumentalisiert wird. Das passiere immer wieder, erzählt Freier-Winterwerb. So habe der russische, nationalistisch ausgerichtete Bikerclub „Nachtwölfe“ mehrfach Fahrten nach Berlin organisiert, um das Mahnmal zu besuchen.
Der Antrag stößt auf viel Resonanz
Das Thema beschäftigt den SPD-Politiker auch deshalb, weil er sich regelmäßig mit „Memorial“ austauscht. Die 1989 in der Sowjetunion gegründete Organisation setzt sich für Menschenrechte und die Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft ein, thematisiert auch die Verbrechen des Stalinismus. In Russland ist sie mittlerweile verboten. Memorial führt regelmäßig Menschen durch das Ehrenmal.
Der Antrag wird nun mit der CDU abgestimmt. Auch aus anderen Fraktionen und von den Bürgerinnen und Bürgern habe man bisher überwiegend positive Reaktionen bekommen, sagt Freier-Winterwerb. Wissenschaftler hätten sich gemeldet und Unterstützung angeboten. Und die Grünen haben angeregt, noch weitere sowjetische Ehrenmale in Berlin in den Blick zu nehmen.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.